Am Wochenende hatte er noch in uns, aus uns geblubbert, jetzt ist er tot, vor wenigen Stunden gestorben, wie ich gerade eben lese. Friedrich Kittler. Aufschreibesysteme. Das hatte er vom alten Schreber, dem Sohn des ersten Schrebergärtners. Der schrieb 1903: „Außerdem dient das Aufschreiben noch zu einem besonderen Kunstgriff ...

Man glaubte mit dem Aufschreiben den bei mir möglichen Gedankenvorrath erschöpfen zu können, sodaß schließlich einmal ein Zeitpunkt kommen müsse, wo neue Gedanken bei mir nicht mehr zum Vorschein kommen könnten“. Daniel Paul Schreber war Senatspräsident am Oberlandesgericht Dresden gewesen, Doktor der Rechtswissenschaften. Sein Buch erschien 1903 unter dem Titel: „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken nebst Nachträgen und einem Anhang über die Frage: ‚Unter welchen Voraussetzungen darf eine für geisteskrank erachtete Person gegen ihren erklärten Willen in einer Heilanstalt festgehalten werden?’“. Kittler hat diesen irren Juristen ernst genommen, aus dem Recht genommen, dessen Delirien universalisiert. Zu Recht. Jedenfalls war dieser Kittler des Aufschreibens aufregend. Irre und aufregend. Nur dumm, daß er nicht ans Recht gedacht hat. So können die Juristen immer noch an Schreber vorbeidenken. Dabei hat Schreber dem Recht ein Denkmal gesetzt, ein verstörendes Monument. Denkwürdigkeiten eben. Kittler und Schreber – welch’ Paar. Ob sie sich jetzt wohl etwas zu sagen haben werden?