Friedrich Carl von Savigny – größter Jurist deutscher Zunge, Vater der RechtsWissenschaft, 150 Jahre tot. Zehn-, vielleicht Hundertausende Seiten sind in dieser Zeit über ihn geschrieben worden. Nicht wenige allein von Joachim Rückert, von dem hier ausnahmsweise, im Savigny-Zusammenhang, nur mittelbar die Rede sein wird. Nein, kurz, und blockmäßig fragmentenhaft, soll von Wolfgang Paul Reutter die Rede sein, der in einer Subschriftenreihe des Frankfurter Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte, Savignyana, dissertationsgerecht das Definitivum zum juristischen Großmeister geliefert hat.

Titel: „’Objektiv Wirkliches’ in Friedrich Carl von Savignys Rechtsdenken, Rechtsquellen- und Methodenlehre“. 2011 jubiläumsgerecht erschienen, sehen wir 478 Seiten vor uns, plus XIX römische, davon elf für das Inhaltsverzeichnis, das 354 Kapitel aufführt, inklusive aller möglichen Subdivisionen, à la aaaa, bbbb, etc. In dieser Feinmaschigkeit der Beweisführung kann die Wahrheit nicht entkommen. „’Wie dachte Savigny (wirklich)“?’ ist die bestimmende Ausgangsfrage“ (2). Da kommt Freude beim Leser auf, denn sollte am Schluß die Ausgangsfrage beantwortet sein, könnte man endlich seine Savignysekundärliteratur, bis auf Reutter, entsorgen – und das wollten wir, ehrlich, doch eben bislang nur heimlich gesagt, schon lange tun, haben es uns aber nicht getraut. Das letzte der dreihundertvierundfünfzig Kapitel, „Schluss“, meldet auf zwei Seiten Beweisvollzug. Reutter, unnachahmlich bescheiden in Denkart und -duktus, genauer Reutters Buch hat „ein umfassendes und homogenes Bild eines in ‚objektiven Wirklichkeiten’ denkenden Savigny ergeben: Egal wo“. „Eigentlicher Inhalt“, „höherer Sinn“, „eigentliches Wesen“ – wo man nur hinblickt. „Bis in die Einzelregelungen“ hat sich der „eigenständig und homogen ‚objektiv-idealistisch’ denkende Savigny ... erwiesen“. Ja, da steckt wirklich „mehr an versteckter Philosophie drin, wie man auf den ersten Blick vielleicht annehmen mag." Gott sei Dank hat Reutter „mehr, wie“ andere geguckt, Gott sei Dank, wegen der nun makulierbaren Sek-Lit. Und glücklicherweise hat Reutter sich nicht zu sehr mit der, zugegeben bloß konventionellen und nicht objektiv wirklichen, deutschen Grammatik befaßt, er wäre sonst noch zur Philosophie des Als-Ob abgeirrt, und das hätte ihn nun wirklich mehr als verwirren können, ganze Scheinwelten wären auf ihn herabgestürzt, mehr, als er in seinen Kapiteln hätte unterbringen können. 354 für die Wahrheit ist mehr als genug, um „dem eigentlichen Savigny, so wie er wirklich gedacht hat“ beizukommen. Und dieser „konnte in der vorliegenden Arbeit bewiesen werden“. Dieser Beweis darf natürlich nicht einfach so auf sich beruhen, die Wahrheit soll schließlich nicht nur bewiesen, sondern auch betrieben werden. Also: „außerordentliche Bedeutung“ Savignys für „ein gemeinsames europäisches Recht“, „die Schaffung eines gemeinsamen Rechtsbewußtseins“, ja „Wichtiges“ – ganz allgemein, und ganz besonderes die Schaffung „einer gemeinsamen Rechtsgrammatik“. Nun, das wird die Griechen, Portugiesen, sprechen wir nicht von den Engländern und Schotten, ganz besonders freuen: Im Namen der deutschen Wahrheit, vergemeinschaftet Euch – Heil Savigny! Nun, vielleicht – wenn dies auch wahrheitsgemäß gesehen mehr schlicht als gloriös ist – könnte man mit der (deutschen) Sprachgrammatik anfangen, so ganz bei sich, im eigenen Köpflein, und dort die ganzen wies, als’, wenns und abers und mehrs sortieren. Bleibt ein Rätsel in dem ganzen Eigentlichkeitswesenswahrheitsbeweisdreck: Im Vorwort wird allen möglichen Professoren für das Übliche gedankt, auch Joachim Rückert – den ich jetzt endlich, Reutters Letztbeweis sei Dank, wegwerfen kann. Mittendrin steht: „Erwähnt sei an dieser Stelle, dass Herr Professor Rückert auf den Inhalt der Untersuchung (z.B. auf die Wahl des Themas oder die Ausarbeitung) keinerlei Einfluss genommen hat.“ Die Wahrheit der Abgründe, die sich hier auftun, wüßte man gern. Obwohl – eigentlich doch nicht: Er ruhe in Frieden, unser Savigny, der nun, und das ist ohne Zweifel Reutters Verdienst, wirklich die letztwesentliche friedliche Ruhe gefunden hat.