Adorno hat irgendwo, irgendwann, ungefähr gesagt, daß, wenn er das Wort Humanität, Humanismus oder Menschlichkeit hört, kotzen müsse. Am Heiligabend, an Weihnachten, ist der Kotzreflex besonders groß. Wenn ich mir zum Beispiel den Herrn Lügenpräsidenten Wulff bei seiner menschelnd-heimelig-solidaristischen Ansprache vorstelle – mangels Fernseher werde ich ihn nicht sehen können, zum Internetgucken fehlt mir die Lust – kommt mir das kalte Kotzen.

Das Menschennähetum ist ja nicht einmal ernst gemeint sondern nur vorgespielt, charaktermaskenhaft. Auch bei den menschelnden Suppenküchen, Armenspeisungen, Solidaritätsbekundungen, in Film, Fernsehen und Literatur, ja gar im echten Leben, kommt mir – nicht immer, es gibt sie doch, die wirklichen Menschenfreunde, doch wie viele? –, bei dieser ganzen Menschelei also kommt mir das Innere nach Außen. Außer vorhin zwischen 21 und 23 Uhr in Paris an der Bastille. Le Havre – der neue Film von Aki Kaurismäki. Eine Ode an das Menschsein. Aber ganz ohne Tümeln, ohne Tiefe, ohne Schwulst, ohne Lüge, ohne dieses ganze klebrige Zuckerzeug, an dem man sich doch nur vergiftet. Nein, ein Märchen von einem schwarzen Jungen, der auf dem Weg von Afrika nach London zu seiner Mutter, in Le Havre von der Polizei aus einem Container herausgeholt wird, wegläuft, bei Leuten unterkommt, und am Ende auf einem Fischkutter über den Kanal fährt. Und die Leute, selbst ein Polizist, in der Zwischenzeit helfen ihm. Lakonisch, unaufgeregt, ja beiläufig. Es ist ein Märchen, ein Dekor der fünfziger Jahre (Bars, Bäckereien, Taxis, Busse, Kleidung) in der Jetztzeit. Surreal und außer der Zeit, obwohl es genau heute spielt. Ja, das gibt es nicht, daß einem Flüchtling so geholfen wird. Das kann nicht sein. Es ist ein Märchen. Nicht weil es klappt, der Junge fliehen kann, die Rettung naht, nein, sondern, weil wie selbstverständlich die Vergangenheit in’s Heute ragt. Weil einfach gemacht wird, was not tut, ohne weiter darüber zu reden, ohne Bedeutsamkeiten, einfach so eben. Man wünschte sich, daß über Solidarität, Gerechtigkeit, Wahrheit und Charakter genau so gehandelt werden könnte. Das geht nicht. Weil uns das – Gerechtigkeit, Solidarität, Wahrheit und Charakter – größtenteils abgeht. Kaurismäki hält uns den Spiegel vor. Ein Märchen. Humorvoll, voller Farben und Musik, voll Einfachheit. Phantasiereicher und lakonischer geht es nicht. Es ist das erste Mal, daß ich am Heiligabend nicht kotzen mußte. Fröhliche Weihnachten und gute Nacht!