Im Neuen Jahr das erste unserer monatlichen Recht-Lektüre-Seminare an der EHESS in Paris. Die Bude ist voll. Es geht um einen dicken französischen Band, der 2011 die Vorträge/Ergebnisse einer Tagung aus dem Jahr 2004 gesammelt hat. Kein Witz. Ich stelle, zusammen mit einer Kollegin aus der Soziologie, das Buch vor.

Das ist der Sinn der Lesesache: immer ein Jurist und ein anderer. Perspektiven. Es geht um die Kameralwissenschaften, les sciences camerales (hrsg. von Pascale Laborier u.a.). Vulgo, mehr oder weniger, Policey, also die normative Masse zur Regelung von Landwirtschaft, Stadtwirtschaft, Ausgaben, Einnahmen, Fiscus, Verhalten etc. Bierbrauen, Maisanbauen, Kleidung, Luxus, Trinken, Essen usw. Alles das muß, soll administriert werden. Also camera und Straße und Feld und Wiese. Eigentlich eine faszinierende Sache, geht es doch um das ganze Leben der Menschen im Auge des beginnenden Verwaltungsstaates. Eine ziemlich deutsche Angelegenheit, eine ziemlich deutsche „Wissenschaft“, Höhepunkt im 18. und anfänglichen 19. Jahrhundert. Juristisch-rechtshistorisch zur Blüte gebracht seit den 1990er Jahren von Michael Stolleis im Frankfurter Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte."Das wissen natürlich auch die Franzosen. Die hatten allerdings Michel Foucault, der 1977 in seinen Vorlesungen am Collège de France die Polizei-Cameral-Sache zur Bevölkerungspolitik gepackt und in diesem Paket sein Konzept der gouvernementalité entwickelt hat. In Cameralgeschichtsangelegenheiten also in Frankreich ein philosophisch-politisch-soziologisches Interesse, in Deutschland ein juristisch orientiertes. Daran, an der deutschen juristischen Perspektive, die in den Kameralwissenschaften vor allem einen Vorläufer der Vorstellungen von Rechtsstaat und Verwaltungsrecht sieht, gab es Kritik. Von den anwesenden französischen Nichtjuristen, aber auch, literarisch, von den deutschen KameralHistorikern. Einengend sei die juristische Perspektive. Ja, vielleicht, was aber am ersten Freitagvormittag des Jahres 2012 besonders augenfällig wurde, war die doch grundsätzliche – viel grundsätzlicher als man es in den 70er Disziplinenkuscheljahren glauben mochte/konnte – Differenz im Denken der Juristen und der Anderen, der Nachbarwissenschaftler. Dabei wären gerade die Kameral- und Policeywissenschaften angesichts ihres eher weichen juristischen Charakters für einen Dialog besonders geeignet. Doch aus dem Dialog wurde nichts. In dem diskutierten Band waren nur 5 % der Autoren Juristen. Und im Seminarraum war es kaum anders. Ich stellte den Aufstieg des Verwaltungsrechts in der Rechtsgeschichte dar, ich erzählte, wie sich Privat- und Öffentliches Recht zu einander verhalten (haben), ich berichte Rechts- und Disziplingeschichtliches. Eine Soziologin, die vor Jahren ein großes, wichtiges Buch über die Unterschrift, die Signatur geschrieben hat, meinte zum Schluß: Das sei ja alles sehr eindrucksvoll, diese ganzen juristischen Geschichten, nur dann, wenn man das so, nämlich juristisch, sieht, dann eben kann der Soziologe nichts sagen, und das kann ja wohl nicht sein; denn der Soziologe gehe eben in den Gerichtsaal und was er da sieht, das ist das Recht. Oje. So hat das Neue Jahr also begonnen, wie das alte aufgehört hat. Letztlich haben wir uns nichts zu sagen. Und doch werden wir es immer wieder tun. Miteinanderreden. Ohne Hoffnung zwar, ohne Hoffnung auf Verständnis. Aber letzteres muß ja auch nicht sein. Sonst gäbe es bald wirklich nichts mehr zu sagen. Und einpacken, das heißt Oliven in Dalmatien ernten, wollen wir noch nicht.