Beaubourg, Centre George Pompidou, Großer Saal, die Chiens de Navarre sind da. Keine Möpse, eher Kampfhunde, ja eine Kampfhundtheatergruppe. Nous avons les machines heißt das Stück. Total irre. Tout Paris findet sich ein, um einer Zerstörung, um Zerstörungen beizuwohnen.

Eine Viertelstunde lang wird von den Ensemblemitgliedern ein sich als recht robust erweisender Klappstuhl (Chrom und Kunstleder) so lange und so heftig auf den Boden geschmettert, bis er endlich kaputt geht und in eine Tonne dem Flammenfraß hingeworfen wird. Schlaglaut, brutal, unerträglich – aber niemand geht. Es passiert etwas mit dem Zuschauer. Zeitweise Gelächter. Verrückt. Aushalten, was hält der Mensch so aus, wenn er im Sessel sitzt. Ohne Bedeutung, doch nicht bedeutungslos. Dann zwei ferngesteuerte Hubschrauber. Wie Libellen. Poesie der Fernsteuerung. Rotes Blinken. Dann extraterrestrische Sitzung von Mitgliedern eines galaktischen Komitees für Irgendetwas. Der Wahnsinn des gemeinsamen Herumsitzens, des gemeinsamen Besprechens, des Rituals von Vorstellung, Worterteilung, Phrasendreschen. Man fällt übereinander her. Schöne Frauen. Alles in Avatargrün. Schließlich wird gefressen. Einer der Sitzungsteilnehmer, korpulent und vollbärtig muß dran glauben. Eine Viertelstunde lang wird er ausgeweidet, werden aus seinem Arsch die Eingeweide gezogen. Metzgereien. Schlemmereien. Dann Meinungsumfrage. Der Ausgenommene wird befragt. Es geht um Joghurt. Auf einer Stufe von Eins bis Zehn, Eins den niedrigsten, Zehn den höchsten Wert darstellend: Wie ist Ihre Laktizitätsempfindung am frühen Nachmittag, wenn Sie morgens einen Joghurt verfrühstückt haben? Der Wahnsinn der Für-dumm-Verkaufung. Am Ende ein Gabelstapler. Der Ausgeweidete fährt raus.  Beifall. Frenetischer Beifall. Ich kann mich nicht entziehen. Will nicht. Es war ein rasanter Theaterabend. Danach Café Beaubourg, in die Jahre gekommener, doch nach wie vor präsentabler In-place. Tartare, sehr zu empfehlen. Der Ausgeweidete ist auch da. Das Blut ist ab. Wir reden über dies und das, Melville und Balzac. Und dann erfahre ich, daß „Wir haben die Maschinen“ sich dem Senatspräsident am Oberlandesgericht Dresden Daniel Paul Schreber verdankt, also dem Schreber, der Sohn des ersten Schrebergärtners und zweithöchster Richter in Sachsen war. Der aber vor allem ein Irrer war, dessen 1900 in der Nervenheilanstalt geschriebenen „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken nebst Nachträgen und einem Anhang über die Frage: ‚Unter welchen Voraussetzungen darf eine für geisteskrank erachtete Person gegen ihren erklärten Willen in einer Heilanstalt festgehalten werden?’“ Leute wie Sigmund Freud, Elias Canetti, Friedrich A. Kittler inspiriert haben. Nun also die navarrischen Hunde. Masse und Maschine, Irrsal und Kausalität. Im Café und in der klirrekalten Nacht, stellt sich heraus, daß der Wahnsinn, den man eben gesehen und gehört hat, sich letztlich einem Richter verdankt. Ich hatte gar nichts gemerkt. Nun, der Richter war ja auch ein Irrer. Doch jetzt, als ich es wußte, stellten sich plötzlich ganz andere, neue Verknüpfungen in meinem Hirn ein. Der „geistreichen Paranoiker Schreber“, so Freud, und die navarrische Kampfhundtruppe sind dem Wahnsinn des Rechts und seiner Aussprechung nicht so entfernt, wie man gemeinhin glauben mag, wenn man sich denn überhaupt auf solche Gedankelchen einlassen kann und möchte. Ich ging zufrieden nach Hause.