Das deutsch-französische Verhältnis brummt, in der Eurokrise, deren unablässige Herbeiredung immer unerträglicher wird, sind F und D die bestimmenden Kräfte, ist Merkozy ein geflügeltes Wort geworden. Kein Zweifel, wirtschaftlich, politisch, touristisch steht die binationale, die rheinische Lokomotive Europas unter Dampf. Doch wie steht es mit den Intellektuellen, der Kultur, der Wissenschaft, dem Geistesleben insgesamt, im Hinblick auf den deutsch-französischen Austausch? Glaubt man Pierre Nora, dem am Freitag im Feuilleton der FAZ ein großes Interview eingeräumt wurde: SCHLECHT.

Nora, Verlagsmann (Gallimard), Historiker (Erinnerungsorte), Hochschullehrerlehrer (EHESS) Unsterblicher (Académie française) konstatiert mangelnde Sprachkenntnisse, mangelndes Interesse, kurz und das gilt für ganz Europa, mangelnde „geteilte Wertegemeinschaft“. Es fehlt „eine gewisse Grammatik des Geistes, die einst von der humanistische Bildung bereitgestellt wurde“. Nun, vielleicht liegt der Grund für diesen traurigen Befund schlicht in Noras geistig-kommunikativer Verfassung selbst, sagt er doch, daß ihm „die deutsche Kultur relativ fremd ist“. Das wiederum habe etwas mit seiner Generation und dem „schweren Erbe des Krieges“ zu tun. Ein wenig später gibt er allerdings zu Protokoll, daß früher, also etwa in den Zeiten der French Theory, der Austausch intensiv, also alles besser war. Komisch nur, dies unterschlägt unser Memorienmann, daß gerade diese doch in den schweren Zeiten nach dem Kriege zur Blüte gelangte, in den 60er und 70er Jahren, die das Ergebnis deutsch-französischer Lektüren (Nietzsche, Heidegger etc) in den 40er und 50er Jahren waren, unter anderem. Nein, Nora gibt in diesem logisch und historisch und sentimental eher verwirrenden und verwirrten Gepräch keine irgendwie geartete Analyse des deutsch-französischen oder europäischen Geistesraums, nein, er läßt den Leser Zeuge eines, seines Unbehagens werden daß man öfter zu hören bekommt und daß einem (mir) ziemlich auf den Senkel geht. Es ist dies die Sehnsucht nach einer guten alten Zeit, in der die Intellektuellen, die Geistesgrößen noch etwas zu bestellen hatten, angeblich jedenfalls, und in der das Geistige ganz allgemein zur sozialen Distinktion diente. Deshalb immer wieder der Verweis auf die humanistische Bildung, die heute eben fehle und deren Fehlen am Niedergang ja selbst des deutsch-französischen Verhältnisses schuld sein soll. Man reibt sich die Augen, und danach wieder klarsichtig, mag man sich nur einer kleinen, einer winzig kleinen Beobachtung widmen: Als die sogenannte humanistische Bildung besonders hoch im Kurs stand, also sagen wir zwischen 1870 und 1945 (die Humanisten hatten die Nazis gerade nicht ausgerottet), als also Griechensehnsucht, römisches Recht und Antikenglaube die wunderbarsten Feierlichkeiten begingen, genau in dieser Zeitspanne haben die Franzosen und die Deutschen drei Kriege gegeneinander geführt. Drei Kriege. Aber aus humanistischer Bildungssicht war natürlich trotzdem alles in bester Ordnung, nicht wahr? Und nun also Europa: Es fehlten also die gemeinsame Bildung, die gemeinsamen Werte. Die einzigen, die solche hätten, seien die „Geschäftsleute und Juristen“, diese Hohepriester des „Abstrakten“. Wo er das wohl her hat, der Herr Nora? Die Juristen? Sei’s drum. In der Hochzeit des Humanismus hat es also drei Kriege gegeben, zwei Weltkriege inklusive. In der Hochzeit des (juridifizierten) Ökonomismus hat es (in Europa, wenn man einmal vom Balkan, der blutigen Ausnahme, absieht) keine Kriege gegeben. Sicher dieser Frieden war teuer erkauft, mit Geistlosigkeit allerorten, Wulff war gewissermaßen das staatstragende Endproduckt. Doch was zählt mehr: Geist oder Leben? Nun, das sind zweifelsohne etwas holzschnittartige Betrachtungen, doch manchmal wünschte man sich bei den Herren Intellektuellen etwas mehr davon, wenigstens ein klein wenig, sonst bleibt nur das Schwelgen im Hochgeist – wenn das nicht reaktionär ist.