Was den guten Juristen ausmacht, was man glaubt, was den guten Juristen ausmacht, kommt auf den Standpunkt an. Auslegungsvermögen, Einfühlungsvermögen, Absehensvermögen – zwischen Praxis und Theorie, Wissenschaft und Anwendung, Nachdenken und Entscheiden, Norm und Charakter, Geschichte und Gegenwart liegen weite Felder, auf die man Wert legen kann, oder eben nicht.

Szientismus, Positivismus, Emotivismus – die Grundlagen-des-Rechts-Reflektierer scheren sich immer weniger, auch weil es immer weniger werden, um solche grundlegenden Fragen. Dabei könnte man die Frage der Fragen, die Mutter aller juristisch relevanten Fragen „Was (oder auch: wie) ist ein guter Jurist“ einmal so stellen und beantworten wie der große französische Jurist des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts Raymond Saleilles, der beiläufig in einem Nachruf (von 1890) auf einen weniger bedeutenden Kollegen dessen Jagdinstinkt lobte, der ihn als Jäger zu einem erfolgreichen Schützen und als Jurist zu einem scharfsichtigen Beurteiler gemacht habe. Ja, die Jagd. Wir reden zu wenig von ihr. Worauf es dabei ankommt? Genau beobachten, Ruhe bewahren, Geduld, eine sichere Hand, im entscheidenden Augenblick schießen – und treffen. Treffen, die Sache treffen und die Norm, beides zusammen treffen, so daß sie zusammentreffen, eine ganz treffende Beobachtung gerade für das, was einen guten Juristen ausmacht: Treffer landen (können).