Die Karzinomiten sind eine kleine, feine, uralte Religionsgemeinschaft. Das Markenzeichen der Karzinomiten ist ihre Vorstellung, man könne Gott nur sauber gegenübertreten. Jeder Schmutz sowieso, aber auch jede Wucherung, jede Überflüssigkeit, die ja nichts anderes als lebendiger, inkorporierter, also endogener funktionsloser fester oder flüssiger Abfall ist, muß weg.

Offenbar haben schon vor dreitausendfünfhundert Jahren, in bestimmten Gegenden des Zweistromlandes, so nachzulesen im Standartwerk von Jeffrey Zouza, Menschen damit begonnen, Körperteile, seien es äußerliche, wie kleine Finger, Ohrläppchen, kleine Zehen, Speckfalten, Buckel, seien es innere, wie Blinddarm, Milz, Mandeln, Körperteile also, die nicht unabdingbar sind, abzutrennen, herauszuschneiden. Meist geschah dies bereits bei Kleinkindern, ja Säuglingen, wegen derer bekanntermaßen vorhandenen Schmerzunempfindlichkeit in diesem Alter – die schreien ohnehin ständig, also sicher nicht aus Schmerz. Man hatte, wenn auch nicht medizinisch so gesichert wie heute, man hatte aber doch schon eine sichere Ahnung davon, daß Wucherungen, Stoffwachstum, jedenfalls an denjenigen Körperteilen verhindert werden können, die früh, am besten in den ersten Monaten nach der Geburt, entfernt worden sind. Wo nix ist, kann auch nix werden. Karzinomiten nannten sie sich wohl (siehe JZ), weil sie das Schleichende, langsam sich Ausbreitende, Raumgreifende in den Bewegungen der tigritischen Krebse beobachteten, eine besondere Form des übergroßen Flußkrebses, eine heute nur noch selten auffindbare Delikatesse im übrigen. Da die Schnitte am postembryonalen Menschenkörper im Laufe der Zeit ebenfalls immer raumgreifender wurden, mit den entsprechenden, zuweilen letalen Folgen für das junge Menschenfleisch, zogen sich die Karzinomiten immer weiter zurück und wurden klandestin. Der Bund mit Gott wurde nun im Dunkeln geschlossen. Neulich traf ich einen Karzinomiten auf einer dieser mondänen Pariser Partys, auf denen Juden, Christen, Muslims und ich dem schönen Leben frönen. Der Karzinomit offenbarte sich mir, ich weiß auch nicht, warum immer wieder Leute Vertrauen in mich fassen, und erzählte mir von den Schwierigkeiten, heute noch adäquate Ab- und Herausschneidestätten zu finden. Die Polizei, die Nachbarn, ja die ganze öffentliche Meinung, wenn sie denn Wind von der karzinomitischen Sache bekäme, sind fundamental hostil gegen diese radikale Hygienik. Dabei sei es doch wirklich ekelhaft, diese ganzen unnützen Teile in und an sich zu tragen, die doch nur verschmutzen und wuchern könnten. Er vermittele für seine Glaubensgenossen inzwischen Chinareisen, dort frage man nicht so viel, solange man bezahle, und bezahlen wolle man ja gerne. Außerdem habe er schon Geschäfte mit diesem Körperweltenplastinator, wie heißt er doch gleich, von Hagens, oder von Hagen, der mit dem befristeten chinesischen Professorentitel, gemacht. Der säubert und präpariert das abgeschnittene Menschenfleisch und stellt es ins Museum. Das sei ok und durchaus im karzinomitischen Sinne, insbesondere, wenn Vitrinen den Staubbefall effektiv verhindern. Auch ein Jude sprach mit mir, ein sehr netter Kollege, der mit seiner Frau gerade ein zweites Kind bekommen hatte. Das erste war beinahe gestorben. Es waren Komplikationen aufgetreten, dabei war der Abschneider (es handelt sich schließlich nicht um Hecken, deshalb ist die Vokabel „beschneiden“ deplaziert) ein weltweit anerkannter Spezialist, mit unbefristetem europäischen Professorentitel. Der Kollege fragte sich (und mich), was er nun machen sollte, bei seinem zweiten Kind. Abschneiden oder nicht? Er hatte Angst, er hatte Zweifel, er hatte Angst vor dem Kindstod, und er hatte Angst vor der Kraft des religiösen Gesetzes. Der Bund mit Gott. Abschneiden? Abschneiden! Ich habe später, nach dem mondänen Pariser Abend, nicht weiter gefragt, wie er sich denn nun, gemeinsam mit seiner Frau, entschieden hat. Nicht wirklich berückend fand ich den Gedanken an eine Abwägung im Bereich „Der Glaube, der Schwanz und der Tod“. Und jetzt das Kölner Landgericht mit seinem Urteil, seinem Abschneide- und Strafurteil. Der Aufschrei ist groß. Juden, Muslims und Christen ziehen am selben Strick, auf dem „Religionsfreiheit“ steht. Religionsfreiheit der Erwachsenen auf dem Schwanz der Kinder, der Babys. Dabei zeigt die Allianz der Religionsgemeinschaften, die auf anderen Gebieten den weltweiten Frieden herbeizuführen in der Lage sein sollte, dabei zeigt diese Allianz, daß es nur um eines geht: Macht, nicht Freiheit, die Macht über den Menschenkörper, und sei er noch so klein. Diese Biopolitik, diese Zurichtung des Menschenfleisches im Lichte des Glaubens und des Bundes mit Gott, gehört angeprangert, so finde ich, spätestens nach meinem mondänen Pariser Abend neulich. Jeder mag sich seinen Schwanz, im Namen der Religion, des Fußballvereins oder der androgynen Ästhetik, abschneiden (lassen) wie er will. Das ist in der Tat eines Jeden Freiheit. Doch lassen wir unsere Kinder damit in Ruhe. Die haben noch das ganze Leben vor sich, sich zu verstümmeln. Lassen wir ihnen die Zeit, sich selbst zu entscheiden. Dann könnten sie auch den Bund mit Gott überdenken, ohne daß dieser bereits von anderen in ihr Fleisch geschnitten wurde. Interessieren würde mich übrigens, was mit den ganzen Schwanzabfällen, in Deutschland und anderswo, geschieht. Die Karzinomiten hatten dieses Human tissue verbrannt, so steht es jedenfalls bei JZ. Es sollte schließlich nichts übrigbleiben, hygiène oblige. Alleine bei den Schwanzteilen muß es sich insgesamt um Tonnen handeln.