Neulich im Zug, Paris-Frankfurt, zweite Klasse, voll besetzt. Ein älterer Mann, Vater oder Großvater, mit drei Kindern, fortgeschrittenes Gymnasialalter. Bräunliche Haut. Die vier sprechen miteinander. Eine Sprache, die ich nicht verstehe, Englisch und Deutsch. Ich denke, es sind Inder, Pakistani oder Bangladeschi. Der Erwachsene hat einen gräulichen Anzug, ein beiges Hemd und eine erdfarben gestreifte Krawatte an. Er liest ein Technikbuch, Netzwerktechnik. Die Kinder sind ziemlich dick, sie lesen nicht.

In Saarbrücken steigt die Grenzpolizei, Bundespolizei zu. Ausweiskontrolle. Natürlich nicht für jeden. Die Braunhäutigen werden nach ihren Ausweisen gefragt. Es sind Deutsche. Danke, bitte sehr. Dann ist die Polizei weg. Der Junge, das älteste der Kinder, beschwert sich in perfektem Deutsch mit hessischem Einschlag bei seinem Vater. Er hielte es nicht mehr aus, habe keine Lust mehr, immer werde er, würden sie überprüft werden, nie die Anderen. Scheißpolizei. Ich bin Deutscher, was wollen die, die Schweine, die sollen sich doch ficken, das nächste Mal zeige ich den Pass nicht, wollen doch mal sehen, was die dann machen, ich zeig ihn einfach nicht, hab’ genug davon, eh, die sollen nur kommen. Der Vater/Großvater versucht, den jungen Mann zu beruhigen. Besonnen macht er darauf aufmerksam, daß die Polizisten auch nur ihren Job täten und doch freundlich gewesen seien. Außerdem solle er, der junge Feuerkopf, froh darüber sein, daß es die gute deutsche Polizei gebe. Die Polizei ist der Staat, und der Staat schützt uns, vor Verbrechern. Und die Grenzpolizei schützt uns vor den ganzen Arabern, „die Araaaaber“, den Türken und so weiter. Davon gibt es zu viele in Deutschland, und, mein Junge, Deutschland muß bewahrt werden. Damit wir in Frieden und Ruhe arbeiten können. Der Junge war gar nicht damit einverstanden, was der Erwachsene in bester pädagogischer Absicht von sich gab. Nein, das nächste Mal zeigt er seinen Pass nicht mehr. Sollen sie ihn doch festnehmen. Was die vier vielleicht nicht wußten: Einige Wochen zuvor hatte das Verwaltungsgericht Koblenz (28. Februar 2012, Az 5 K 1026/11. KO) auf die Klage eines dunkelhäutigen Deutschen entschieden, daß die Bundespolizei durchaus „nach Aussehen“ unter Zugrundelegung „grenzpolizeilicher Erfahrungen“ kontrollieren dürfe. Der Vater/Großvater wäre vermutlich einverstanden gewesen, der dickliche Junge sicher nicht. Die Autoren allfälliger Rassismusvorwürfe gegen die Polizei und die Richter („Rassisten auf der Richterbank“, siehe den „law blog“), man denke nur an die rassentheoretischen, -historischen, -philosophischen, -anthroplogischen Diskussionen in Seminaren der akademischen Welt, sollten jedenfalls auch einmal das Ohr an die deutsche Volksseele halten, nicht nur an die alteingesessene, sondern auch die zugewanderte. Das heißt natürlich nicht, daß man diesen Seelenbefindlichkeiten nachkommen sollte, etwa in Hinblick auf Araber und Türken, aber die Beurteilung der ganzen Rassen- oder Hautfarbenfrage würde doch erheblich kompliziert, würden die Ansichten der (z. B.) Braunhäutigen wahrgenommen werden. Von Ernstnehmen ist da noch nicht einmal die Rede. Das bedeutet nicht, dem deutschen weiß- oder braunhäutigen Volk, oder Teilen davon, nach dem lästerlichen Maul zu reden. Aber bedenkenswert war die Gesprächsszene zwischen Alt und Jung im Zug von Paris nach Frankfurt schon. Und zwar deswegen, weilweder Alt noch Jung zu folgen ist. Nur, was soll dann die Kontrolldevise sein? Vielleicht kann das gerade nicht abstrakt für alle Fälle, also normativ abschließend geregelt werden. Vielleicht ist das wirklich eine Frage von Freundlichkeit und Dezenz, auf allen Seiten. Und vielleicht kann man an diesem Fall, an diesen Fällen sehen: Recht haben, auf seinem Recht beharren, für sein (des Individuums oder des Staates) Recht kämpfen ist nicht immer eindeutig unschuldig. Der Fall beugt sich der Norm. Diese Art von Normativismus ist irgendwie rechthaberisch. Rechthaber sind, braun oder weiß, unsympathisch. Die Norm beugt sich dem Fall. Das ist menschgerechter. Uneindeutiger. Weißbraun vielleicht.