Es ist Prospektzeit. Die Verlage schicken ihre Vorschauen. Man kann sich auf neue Bücher freuen, die im Herbst, zu Weihnachten, im neuen Jahr kommen werden. Die juristische Literatur wird so langweilig und technisch-deskriptiv wie seit jeher beworben. Träumerischer kommt die Belletristik daher.

 

Suhrkamp, inzwischen Berlin und nicht mehr Frankfurt, ist, wie jeder halbwegs Gebildete weiß, ein reiches Haus für Literatur (in der Wissenschaft ist ein Trend zu großen, ökonomisch ungefährlichen Namen nicht zu verkennen, das heißt leider: geistige Verarmung im Konventionellen). Literatur also. Oktober 2012. Das Sonnenblumenfeld. Geschrieben von einem Pizzabäcker. Natürlich aus Neapel. Da, wo die Pizza herkommt. Jetzt ebenso natürlich nicht mehr Pizzabäcker, sondern Schriftsteller, Drehbuchautor. Rom. Es geht im Sonnenblumenbuch um Liebe, Gewalt, den Süden Italiens. Suhrkamp: „Die unvergleichliche Atmosphäre des italienischen Südens wird lebendig: das leuchtende Gelb der Sonnenblumen, das tiefblaue Meer, die wilden Klänge der Musik, der erdig-dunkle Geschmack des Primitivo“. Mit Verlaub: Das ist Hotelprospektwerbung. Fehlen nur noch die schwarzhaarigen, -äugigen und vollbusigen, aber (!) umso geheimnisvolleren Schönheiten der Südweibsnatur. Und das im Verlag von Adorno. Unvergleichlich, nein gerade nicht, sondern einzigartig blöd ist diese Primitiv(o)seligkeit. Aber es kommt noch besser: Irgendeine Christine Westermann – ich habe keine Lust auszugoogeln, wer das ist – hat geschrieben, so zitiert es Suhrkamp mitten auf der Seite aufgepoppt, CW also meint: „Andrej Longo schreibt beeindruckend, erzählt beinahe poetisch ...“. Die Pünktchen (nochmal Adorno!) sind von Westermann (oder Suhrkamp). Beeindruckend also. In der Auto- und Motorradwerbung, gelegentlich auch bei Jachten und anderen Booten, natürlich bei Flugzeugen, ist „beeindruckend“ eine beliebte Qualifikation. Schnell, stark, beschleunigungskräftig, groß – beeindruckend gehört zur Pferdestärkensprache. Beeindruckend schreiben? Lassen wir das. Wirklich beeindruckend ist allerdings die ungewollt subversive zweite Hälfte des Werbezitats. Longo hat es demnach geschafft, beinahe poetisch zu erzählen. Ich dachte immer, daß Dichter eben dichten. Nun mag man vielleicht einen Unterschied zwischen einem Dichter und einem Schriftsteller machen, also etwa den Schriftsteller als Unterdichter und den Dichter als Überschriftsteller qualifizieren. Wahrscheinlich gibt es auch irgendwelche literaturwissenschaftliche Theorien, die die Feinstjustierung verschiedener Unter- und Überliteraturen vornehmen. Doch, ich bin schließlich weder Dichter noch Schriftsteller, sondern einfach nur Leser – „beinahe poetisch“ klingt jedenfalls, wie gesagt jenseits fachscientistischer Einordnungen, sehr nach: Er hat es eben nicht ganz geschafft, nicht ganz geschafft, poetisch zu erzählen, sondern eben bloß beinahe. Da bleibt nur die alte Fußballerweisheit (die nahende Euro oblige): Knapp daneben ist auch daneben. Oder: Vorbei ist vorbei. Zwischen Hotelwerbung und Quasidichtung lauert irgendwo in Grabestiefen die Suhrkampkultur.