Noch einmal: Deutschland, nein: die Deutschen, nein: viele Deutsche, oder genauer: nicht wenige Deutsche, besser: zu viele Deutsche hatten sich in der Nazi-Zeit schuldig gemacht. Auch und gerade an den Juden. Das ist unbezweifelbar.

Und das ist unauslöschbar. Und das wirkt nach. Natürlich. Knapp 70 Jahre können eine zu kurze Zeit sein. Vielleicht gibt es für das Grauen der Judenvernichtung keine Verfallszeit. Jedenfalls ist sie noch nicht gekommen. So weit, so richtig.

Judith Butler hat sich bislang, jedenfalls ist mir nichts davon zu Ohren gekommen, nicht zur Beschneidung geäußert. Die diesjährige Adorno-Preisträgerin hat sich lediglich gelegentlich israelkritisch zu Wort gemeldet und unterstützt palästinensische Organisationen, die teilweise mehr als kritisch gegenüber der israelischen Politik eingestellt sind. Die Empörung beim Zentralrat der Juden ist groß, daß die Jüdin Butler den Preis der nach dem Juden Adorno benannt ist, bekommen sollte und inzwischen bekommen hat. Adorno selbst wäre, so gesehen – ein großer Israelanhänger war er nicht gerade gewesen –, preisunwürdig gewesen. Kritik an Israel ist unerwünscht, ja potentiell antisemitisch.

So auch in der Beschneidungsdebatte. Die Wortmeldungen werden immer abstruser. Charlotte Knobloch, ehemalige Vorsitzende des Zentralrats, empört sich und fragt sich, ob Deutschland die Juden noch „will“. Was für eine Frage! Nur ein einziger, kleiner Hinweis, zur Information der verehrten Frau Knobloch: Einer der angesehensten Preise der BRD ist nach einem Juden benannt und wurde diese Woche an eine Jüdin vergeben. Es könnte natürlich sein, daß (siehe eben) weder dieser tote Jude noch diese lebende Jüdin satisfaktionsfähige Juden im Sinne des Zentralrats sind, der offenbar die Definitionsmacht darüber ausüben möchte, wer ein echter und wahrer und würdiger Jude ist.

Alfred Neven DuMont, berühmter Verleger, ist nun in der Frankfurter Rundschau Charlotte Knobloch zur Seite getreten, im Sinne von: Wir wollen Dich und die Juden doch. Warum nicht, natürlich wollen wir, obwohl was heißt schon „wir“, sprechen wir lieber von uns selbst, also ich (RMK) will, daß Juden, wie Armenier oder US-Amerikaner, Christen, oder Buddhisten, in Deutschland, wo ich gar nicht mehr lebe, sei’s drum, leben können. Ich finde überhaupt, daß jeder überall leben können sollte. Ich finde nur nicht, daß fünf Tage alte Menschen die Vorhaut abgeschnitten bekommen sollten. Das hat mit meinen Wünschen und Vorstellungen des Wo-auch-immer-Lebenlassens gar nichts zu tun. Alfred Neven DuMont nun hat in seinem Unterstützungsbeitrag für Frau Knobloch einen bemerkenswerten, entlarvenden, ahnungslosen, ja idiotischen Satz geschrieben: „Einen amerikanischen Richter, der wie sein Kölner Kollege zu demselben Ergebnis gekommen wäre, hätte man in seinem Land als Witzbold abgetan, weil ein erheblicher Teil der Jungen in den Vereinigten Staaten aus hygienischen Überlegungen den kleinen Schnitt über sich ergehen lässt.“

Dazu nur zwei Bemerkungen: 1. Ein Land, das demjenigen, der seine Katze, sein Baby oder seinen Hamster in der Mikrowelle getötet hat, Schadensersatz zugesteht, weil der Gerätehersteller entsprechende Warnhinweise versäumt hat, scheint doch ganz sicher eine fundamental andere Witzschwelle zu haben als die gute alte BRD, in Köln oder andernorts. 2. Die USA sind das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, klar; daß aber Säuglinge in den USA bereits hygienische Überlegungen anstellen und „sich“ (!) deshalb beschneiden lassen, ist vermutlich doch jenseits irgendeines Möglichkeitshorizontes.

Zwischen all diesen Aufgeregtheiten, Betroffenheiten und Idiotismen fällt neben der weitgehenden Abwesenheit der Muslime auf, daß nicht einmal ansatzweise die „jahrtausendealte Tradition“ in Frage gestellt wird. Dabei gäbe es durchaus Möglichkeiten, Tradition und Babykörperintegrität jedenfalls nicht von vorneherein auszuschließen. Etwa dem Vorschlag eines Arztes folgend, die (Vor)Haut zu ritzen, damit das Blut den Bund mit Gott stiften kann, wenn die Eltern dies nun einmal drittwirkend wollen. Wie auch immer. Das Beharren auf der Position „Beschneidung forever“ schließt jede Diskussion, jede Alternative aus. Diese Sprachlosigkeit, die mit ständigem Schimpfen einhergeht, ist armselig.

RMK