Das Gesetz ist da, jedenfalls im Entwurf, der Verabschiedung scheint nichts mehr im Wege zu stehen. Übermorgen kommt der Text in’s Kabinett, dann soll es schnell in den Bundestag.

Die Einfügung eines familienrechtlichen Paragraphen in das Bürgerliche Gesetzbuch wird zukünftig einer strafrechtlich relevanten Körperverletzung die Rechtwidrigkeit nehmen. Also: Säuglinge dürfen beschnitten werden, denn, so der Entwurf: "Die Personensorge umfasst auch das Recht, in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll ... in den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Kindes auch von einer Religionsgesellschaft dazu vorgesehene Personen Beschneidungen durchführen dürfen, wenn sie dafür besonders ausgebildet ... sind." Auch soll der Schnitt möglichst schmerzmindernd vorgenommen werden – da jedoch die religiösen Beschneider nicht anästhesieren dürfen, bleibt alles beim Alten.

 

Daß nun ein Gesetz da ist, ist an sich nicht zu beanstanden. Keine Frage, daß das Kölner Urteil den berüchtigten (hier legislativen) „Handlungsbedarf“ auslöste. Die dazu entstandene Debatte war kein Ruhmesblatt einer offenen Diskussionsgesellschaft. Die Antisemitismuskeule wurde in jede Richtung geschlagen. Es wurde gelogen und verbogen. Zum Beispiel im Hinblick auf das immer herangezogene Amerika. Unterschlagen wurde dabei stets, daß die Beschneidungszahlen in Amerika zurückgehen, daß es durchaus immer wieder zu (schweren) Komplikationen mit (seltenen) Todesfällen kam, daß der jüdische Bürgermeister von New York mit Bezug auf das Kölner Urteil zu einem Umdenken in Sachen Beschneidung aufforderte. Kurz: Alternativen, andere Sichtweisen, schon alte (19. Jahrhundert) reformatorische Ansätze: nichts davon bei den offiziellen Vertretern der jüdischen Religionsgemeinschaft. Sondern: Abschottung, Tradition, Schnitt. Und das ist das eigentlich Traurige bei der ganzen Angelegenheit. Ich zum Beispiel bin kein geifernder Beschneidungsgegner, ehrlich gesagt interessiert mich die Sache, der Schnitt, nicht besonders, ich bin nicht betroffen, habe zwar Freunde, die Probleme mit dem Schnitt hatten (ein Säugling wäre fast gestorben), aber ich habe kein großes Aufhebens darum gemacht, auch ohne den Vergleich mit den Toten im Straßenverkehr heranziehen zu müssen.

Nein, was mich geärgert hat, sind erst die Reaktionen der Religionsoffiziellen (und deren medialer Unterstützer) auf das Kölner Urteil, deren vollkommene Borniertheit irgendwelchen (Beschneidungs-)Alternativen gegenüber oder auch nur der Diskussion darüber. Die Religion jedenfalls hat den Sieg davongetragen mit dem Gesetz. Das Heil der religiösen Macht über den Körper hat gesiegt. Religiöse Biomacht nennt man das.

Das Gesetz eröffnet auch für die christliche Kirche vielversprechende Perspektiven. Bekanntermaßen gibt es bei Katholiken wie Protestanten Mitgliederschwund. Das ist mißlich und vor allem mit der geringen Anziehungskraft der Kirche in einer säkularen Welt zu erklären. Doch Abhilfe naht. Denn jetzt, wo Juden und Muslime ein Beschneidungssonderrecht erhalten haben, könnten und sollten die Christen auf dem Gleichbehandlungsgrundsatz bestehen. Keine Frage, daß sie damit durchkämen. „Inventing tradition“ heißt die Parole, die um so leichter zu realisieren ist, als die Traditionsbasis handfest ist. Jesus Christus – schließlich auch Jude, dessen abgeschnittene Vorhaut eine lange reliquiale Geschichte hat – ist ans Kreuz geschlagen worden. Das Kreuz ist das Leidenssymbol der Christenheit. Jesus Christus hat das Leiden der Menschheit auf sich genommen. Aus gut unterrichteten Kreisen ist zu vernehmen, Rom ist auch nicht mehr so dicht, wie es mal war, aus Rom also hört man, daß an einem neuen Ritualprogramm „Kinder-Jesu-Kreuzigung“ gearbeitet wird. Vorgesehen ist, daß neugeborene Christenkinder, noch vor der Taufe, vielleicht aber auch danach, vielleicht auch unter Vorziehung der Taufe, darüber besteht noch Streit, daß jedenfalls kleinste Christenkinder an kleine Holzkreuze geschlagen werden. Die Haut an den Hand- und Fußgelenken soll dabei so weit herausgezogen werden, daß sterilisierte Nägel durch sie ins Kreuz gehauen werden können. Das Kind soll dann maximal eine Minute lang hängen. Der Schmerz, wenn Schmerz bei Säuglingen überhaupt denkbar ist, der Schmerz soll den Schmerz eines Ohrläppchendurchstichs nicht übertreffen – versichern die päpstlichen Ärzte.

Kinder ans Kreuz – damit wäre endlich auch bei den Christen eine aktuelle, mit den Juden und Muslimen vergleichbare Körperpolitik möglich. Wie gesagt: Unter Gleichbehandlungsgesichtspunkten steht der initiationsritualen Säuglingskreuzigung nichts im Wege. Und die Christen haben gegen echte Ärzte sowieso nichts einzuwenden. Anästhesie ist also kein Problem, sollte man den Säuglingen doch irgendwie Schmerzempfinden zugestehen, von gesetzgeberischer Seite her. Dann wäre der Sieg des Heils, ja auch des Heilands, perfekt. Es brechen religiöse Zeiten an.

RMK