Gestern Abend im Collège de France. Eingangskontrolle wie am Flughafen, wenn auch (noch) kein Körperscanner. Antrittsvorlesung von Alain Supiot.

Mehr als Collège de France geht nicht, es ist sicher das Höchste, was ein Akademiker in Academia, jedenfalls in Frankreich, aber auch recht weit darüber hinaus, erreichen kann. Man ist – die Zeiten von Foucault sind vorbei – eher älter bis alt, wenn man in diese altehrwürdige Institution (1530 gegründet von François I) gewählt wird. Der frisch geehrte Nobelpreisträger für Physik, Inhaber des Lehrstuhls für Quantenphysik am Collège de France und dessen „administrateur“, was soviel wie Präsident bedeutet, stellt Alain Supiot vor. Der Premierminister ist da und dreihundert Zuhörer. Auch eher älteren Semesters, Durchschnitt etwa 50 bis 55 Jahre. Studenten – Fehlanzeige. Supiot redet eine Stunde. Nicht schlecht, nicht begeisternd. Das hat mit der Tradition zu tun. Der Neugewählte stellt seinen eigenen wissenschaftlichen Gedankenwerdegang vor, er stellt sich in eine akademische Filiation, dankt seinen Lehrern und Ideengebern, reiht sich in die Geschichte des Collège de France und seiner Eminenzen ein, präsentiert sein Lehrprogramm, das heißt er erläutert die Bezeichnung seines Lehrstuhls: „État social et mondialisation : analyse juridique des solidarités“. Supiot bleibt, wie könnte es anders sein, seinen inzwischen auch in Deutschland bekannten Steckenpferden treu. Also: Arbeitsrecht, das ist schließlich seine Herkunft – schöne Erinnerung an Sinzheimer. Die Bedrohung der Welt, der Arbeitswelt, durch die Globalisierung. Die Gefahr des europäischen Rechts für die lokalen Begebenheiten – ein gewisser Europaskeptizismus ist unüberhörbar. Die Kraft der Institution – man darf sie nicht geringschätzen. Solidarität – begleitet (eben!) von Institutionen. Der Wandel vom Reich der Gesetze zum Reich der Zahlen, der Rechnungen, der Computationen – die Hegemonie der großen Zahlen, der globalen Wirtschaft. Wie gesagt, das ließ sich alles hören, außerdem war es schön garniert, mit Kafka, dem Versicherungsangestellten, dem Türhüter und dem Brückenkonstrukteur, auch mit Pierre Legendre, immer wieder Pierre Legendre. Dann Empfang, Buffet, nein, tout Paris war nicht da, aber doch einige Berühmtheiten. Eher wenig Juristen. Studenten (siehe oben) nicht. Der Innenhof des renovierten Collège de France, unter dem sich der neue große Vorlesungssaal befindet, war warm erleuchtet. Irgendwie war es aber doch melancholisch. Die Kritik am Kapitalismus, an der Globalisierung, am Ausrechnen der Welt, blieb seltsam bläßlich. Die juristische Analyse der Solidaritäten leuchtete wie der Hof. Warm und gelb. Gemütlich elegant. Ein wenig mehr Feuer oder ein wenig mehr Eis wären eher nach meinem Geschmack gewesen. Doch warten wir ab. Vielleicht kommt das Feuer noch oder die schneidende Kälte. Die Analyse könnte es gut gebrauchen.