Laesio enormis

 

Ich stehe an einem frühen Donnerstagmorgen irgendwo in der deutschen Provinz am Bahnhof. Mein Zug hat Verspätung, ich betrachte die Provinzmenschen, den handelsüblichen Bahnhofsvorplatz, kaum etwas los, alle Parkplätze frei, lediglich im absoluten Halteverbot steht ein Lieferwagen, aus dem gerade von ein paar halbseidenen Figuren irgendetwas irgendwohin geladen wird, während ein paar andere halbseidene Figuren zusehen und ihr erstes Bier trinken.

Ein Auto fährt vor, belebt den leeren Parkplatz, zwei Personen steigen hastig aus, zerren zwei große Taschen ins Bahnhofsgebäude und tauchen gleich darauf am Gleis gegenüber auf, wo eben der Regionalexpreß einfährt.

Die halbe Minute, die die beiden noch haben, um sich über das Erreichen des Zuges zu freuen und voneinander Abschied zu nehmen, reichen einer der undurchsichtigen Figuren, einem heruntergekommenen Menschen männlichen Geschlechts um die 60, sich aus der Gruppe zu lösen, schwerfällig über den Platz zu schlurfen, um das Fahrzeug zu inspizieren. Dabei zieht er aus seinem speckigen Overall eine Digitalkamera und einen kleinen Drucker, photographiert das Fahrzeug von allen Seiten und druckt routiniert einen Strafzettel aus, den er mit wichtiger Miene hinter den Scheibenwischer klemmt. Noch während er seines Amtes waltet, kehrt die Fahrerin zurück. Ihr vorsichtiger Versuch, Unwissen, Dringlichkeit, Eile ins Feld zu führen, enthält keinerlei Entfaltungsmöglichkeit. Mit schwerer Zunge stammelt die Figur „Beweisaufnahme“ und deutet dabei auf ein Schild, auf dem die Deutsche Bahn sich den Bahnhofsvorplatz als „Privatgelände“ sichert. Weitere Diskussionen verbieten sich von selbst. Mit dem Faktotum über die Autorität eines Schildes zu diskutieren, hat offenkundig keinen Sinn.

Bevor mein Zug endlich einfährt, höre ich noch den mehr verblüfften als zornigen Ruf der abgemahnten Fahrerin, als sie das Knöllchen näher inspiziert hat: 27,- €! 27,- €? „Sittenwidrig“ ist dafür noch ein Euphemismus. Die privatisierte Öffentlichkeit mutiert zum rechtsfreien Raum. Ich fahre zurück in den Rostocker Herbst.