Rosemarie Will, Juristin, eine der letzten Ostberufungen und bis heute streitbare Professorin an der HU Berlin, nennt sich seit kurzem auch Filmemacherin. Der Film, den sie gemacht hat, heißt „Der Fall Modrow“ und handelt vom strafrechtlichen Nachwende-Schicksal des SED-/PDS-Politikers. Ich wollte ihn eigentlich sehen. Letzte Woche hätte sich im Kino-Saal der HU beinahe eine Gelegenheit dazu ergeben.

Ich bin ein paar Minuten zu früh im Saal, setze mich, bleibe aber nicht lang allein: in der Reihe hinter mir nimmt eine größere Gruppe Erstsemester Platz, die sich aufgeregt und in dem mir wohlvertrauten schwäbischen Idiom über ihre Erfahrungen der ersten Semesterwochen austauschen. Der Saal ist kalt, irgendwann begrüßt eine Vertreterin des Arbeitskreises kritischer JuristInnen alle Freundinnen und Freunde des Films, die DVD beginnt zu laufen, Modrow tritt auf, sein Verteidiger, dazu verschiedene Staatsanwälte und Richter, von denen zumindest zwei ebenfalls deutlich vernehmbar schwäbeln; einer bezeichnet Modrow als „Leischdungsdräger“, ein anderer gibt als Motiv für seinen Gang nach Ostdeutschland den Neid auf die Kollegen mit Auslandserfahrung an. Worum geht es?

Bei den letzten Kommunalwahlen in der DDR am 7. Mai 1989 war es – wie immer – zu massiven Wahlfälschungen gekommen: Egon Krenz durfte ein Ergebnis von 98,85 %  für die SED verkünden. Modrow wußte – wie die meisten – von diesen „Beschönigungen“ (er sogar bereits seit 1961), bestritt aber jede direkte Steuerung, derlei habe sich „von selbst“ geregelt, ohne daß es dazu irgendwelcher Anweisungen bedurft hätte. Aber diesmal läuft es anders. Die Beschönigungen fallen in ein politisches Klima, in dem solche Eingriffe nicht mehr ungestraft toleriert werden. Noch in der DDR kommt es zu ersten, eher halbherzigen Strafverfahren gegen untere Beamte; nach der Wende aber geht die Aufbereitung weiter, nun mit den aus dem Westen importierten Juristen, die nicht sehr zurückhaltend zu Werke gehen. Und irgendwann trifft es auch Modrow, vor allem, weil man nicht die Großen laufen lassen will, wo man die Kleinen hängt. In erster Instanz findet er einen milden Richter, der sich alle Mühe gibt, die Systemzwänge der DDR zu verstehen und zu Modrows Gunsten zu gewichten.

Hier reißt der Film ein erstes Mal ab. Unruhe entsteht. Der Techniker ist nicht auffindbar, immer wieder erscheint ein verpixeltes Bild auf der Leinwand, das von Krächzlauten der Tonspur begleitet wird. Die Studenten hinter mir setzen nahtlos ihren Erfahrungsaustausch fort; einer hat mit dem Abitur auch eine Lehre gemacht („wie in der DDR“), eine andere wirft in schönem Honoratiorenschwäbisch die Frage auf, ob das Verfahren nun eigentlich nach DDR-Recht gelaufen sei, schließlich seien die Richter doch alle Schwaben gewesen. Nach gut 20 Minuten läuft der Film wieder, allerdings deutlich leiser und mit stark verdunkeltem Bild. Die Frage der maßgeblichen Rechtsordnung wird geklärt (hier: DDR-Recht), man erfährt von dem milden Urteil in der ersten Instanz (Verwarnung mit Strafvorbehalt), mit dem sich der BGH nicht zufrieden gab, die Sache zurückverwies und dadurch eine Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung provozierte. Garniert wird der Verfahrensgang von vielen Interviews zu den offenherzig geschilderten Motiven der beteiligten Juristen, die mit ihrem redlichen Optimismus den hartnäckig vorgetragenen Vorwurf der politischen Justiz ziemlich lächerlich erscheinen lassen.

All das entfaltet sich jedoch quälend langsam. Schon der Film selbst hat gewisse Längen, aber man bekommt ihn davon abgesehen wegen technischer Mängel nur in kleinen Portionen zu sehen, außerdem versagt immer wieder der Ton. Ich friere und bin zunehmend genervt von den Schwaben auf der Leinwand und den Schwaben hinter mir. Die Musik ist mir zu melodramatisch, und die regelmäßig auftauchenden Aktendeckel, die ein neues Kapitel ankündigen und dann von Geisterhand aufgeschlagen werden, sind mir in ihrer Symbolik viel zu plump. Als „Fall 2“ angekündigt wird, gibt die DVD endgültig ihren Geist auf, letztes Stottern, letzte Rettungsversuche, dann ist Schluß. Es ging wohl um ein Verfahren wegen Meineids, weil Modrow bei seiner Aussage vor einem sächsischen Untersuchungsausschuß gelogen hat, als es um die Aufklärung der schweren Unruhen in Dresden am 4./5. Oktober 1989 ging. Wie die Sache ausging, weiß ich nicht, kann mir aber auch nicht recht erklären, was dieser Fall Modrow mit dem obigen Fall Modrow zu tun haben soll.

Anschließend wird noch auf dem Podium diskutiert, weniger über den verstümmelten Film als über den Umgang der westdeutschen Justiz mit der DDR im allgemeinen. Ein Vertreter des AKJ moderiert pflichtbewußt, aber lieb- und glücklos; wann immer er die Leistung eines Anwesenden zu würdigen hat, verhaspelt er sich, die aufgelöste Rosemarie Will möchte gleich etwas zu ihrem Film sagen, wird aber unterbrochen, weil das in der Eingangsrunde noch nicht erwünscht sei. Später pocht sie darauf, sie habe zeigen wollen, wie defizitär die Versuche seien, die DDR strafrechtlich aufzuarbeiten. Das sehe ich zwar genauso und halte Hinweise darauf auch für wichtig, vor allem wenn es darum geht, die anmaßenden Vergleiche von DDR und Nationalsozialismus („Unrechtsstaat“) zurückzuweisen. Aber trotzdem kommen mir solche Aussagen banal vor, denn schon die strafrechtliche Aufarbeitung eines Ladendiebstahls ist doch irgendwie unbefriedigend, alle gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen Hintergründe und Ursachen kann man sowieso nicht erfassen und muß es vielleicht auch nicht; außerdem finde ich es angesichts einer ganzen Behörde für Stasi-Akten befremdlich, die historische Auseinandersetzung mit der DDR auf das Werk von Strafrechtlern zu reduzieren.

Volkmar Schöneburg, der Justizminister von Brandenburg, macht einen sympathischen Eindruck und zeigt sich vor allem von dem Umstand bewegt, an seiner Alma Mater auftreten und frei diskutieren zu können. Klaus Marxen, der sich von allen Beteiligten am intensivsten mit den Verfahren über ehemalige DDR-Täter beschäftigt hat, steuert eine nüchterne Analyse des Geschehens bei, dem er vor allem deshalb keine besondere Bedeutung zumessen will, weil Wahlfälschung auch in der DDR strafbar gewesen sei und die Aufarbeitung ja auch schon zu DDR-Zeiten begonnen habe. Man hätte die Akten nach der Wende nicht einfach hinterm Schrank verstecken können. Bernhard Schlink immerhin gibt zu bedenken, ob nicht genau darin doch der Vorwurf politischer Justiz begründet sein könnte: daß man das Systemunrecht auf Fallgröße zurechtstutzt und einer aktenmäßigen Behandlung unterzieht, die für unsere Normalität passen mag, bei der Abwicklung eines ganzen Staates aber notwendig scheitern muß. Das löst in der Tat ein gewisses Unbehagen aus: Politik durch Politikverweigerung.

Die Reihen sind längst gelichtet, als die Veranstaltung nach gut drei Stunden beendet wird. Schlecht gelaunt gehe ich nachhause. Vom angekündigten Film war wenig zu sehen, und was zu sehen war, hat mir keine Lust auf den Rest gemacht. Gleichwohl der Hinweis: gezeigt wird „Der Fall Modrow“ am 2. Dezember um 19.00 Uhr im Filmmuseum, Potsdam.