Historikern im allgemeinen und Rechtshistorikern im besonderen scheint ein goldenes Zeitalter bevorzustehen. Ende 2010 hat die Links-Fraktion im Bundestag eine Große Anfrage an die Bundesregierung gestellt, die ihresgleichen sucht. 64 teils äußerst detaillierte Fragen über die NS-Vergangenheit und -Gegenwart der Bundesrepublik, etwa über die Zugehörigkeit von Bundesbeamten zu NSDAP, SS, SA oder Gestapo, über personelle Kontinuitäten, über strafrechtliche Konsequenzen.
Die Antwort der Bundesregierung kam ein Jahr später und hat 85 Seiten.

Auch sie sind teilweise äußerst detailliert, wobei nicht selten der Eindruck entsteht, die Bundesregierung – doch eigentlich nur nach ihrem historischen Kenntnisstand befragt – sehe sich von den linken Abgeordneten in die Defensive gedrängt. Hier und da weht ein letzter Hauch von Kaltem Krieg durch das Dokument. So ist der erste Fragenkomplex überschrieben mit „NS-Vergangenheit von Institutionen des Bundes“, wozu die Bundesregierung gleich pikiert anmerkt, eine derartige Vergangenheit könne es schon deshalb nicht geben, „da solche Institutionen erst seit Konstituierung der Bundesrepublik Deutschland 1949 existieren“. Naja. Solche Antworten signalisieren einen Wahrheitsbegriff, der dem des jetzigen Bundespräsidenten ziemlich nahe kommt. Dies gilt auch für die Behauptung, eine „kritische Aufarbeitung“ vor allem des Justizunrechts sei „bereits Ende der 50er-Jahre aus der Mitte der Gesellschaft heraus angestoßen“ worden. Beweis: Die bekannte Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ von Reinhard Strecker. Mitte der Gesellschaft? Der Berliner Senat ließ damals verkünden, die Dokumentation sei „sowjetzonal inspiriert“, die SPD schmiß Strecker aus der Partei, die FAZ sah das westdeutsche Licht überall in „Pankows Schatten“ getaucht. Die wackeren Aufklärer dürften sich in der jetzigen Auskunft der Bundesregierung zum ersten Mal in ihrem Leben der „Mitte der Gesellschaft“ zugeordnet sehen.

Aber gut. Wer Auskünfte über den offiziellen Forschungsstand zu den Bundesinstitutionen haben möchte, ist im übrigen bestens bedient. Es folgen beispielsweise längere Übersichten zu den noch vorhandenen Personalakten und ihren Standorten oder Zusammenfassungen der maßgeblichen Literatur. Dazwischen bekannte, aber immer wieder erschreckend zu lesende Ergebnisse: „Für den Verantwortungsbereich des AA wurden explizit aufgrund ihrer Tätigkeit im ‚Dritten Reich’ drei Personen aus dem Auswärtigen Dienst entlassen. ... Für den Verantwortungsbereich des BMJ wurde eine Person ermittelt. ... Straf- oder disziplinarrechtliche Gerichtsverfahren gegen nach 1949 aktive Mitarbeiter des AA aufgrund einer NS-Vergangenheit hat es nach Aktenlage nicht gegeben.“ Daß insbesondere die Justiz im Umgang mit ihrer Geschichte versagt hat, ist auch der Bundesregierung nicht entgangen: „hohe personelle Kontinuität“, „vielfach unfähig zur Korrektur“, „unzureichende“ Strafverfolgung. Doch obwohl man meint, das „Dritte Reich“ sei allmählich ausgeforscht, kommt regelmäßig der Hinweis, irgendetwas entzöge „sich der Kenntnis der Bundesregierung“. Forschungslücken an jeder Ecke.

Hier nun beginnen die goldenen Zeiten. Frage 4 bezieht sich auf bereits geleistete Aufarbeitung, ergänzt dies aber um einen Blick in die Zukunft: „Plant die Bundesregierung bzw. planen einzelne Bundesministerien weitere Arbeiten zur Frage der NS-Vergangenheit von Bundesministerien bzw. der Bundesregierungen?“ Und hier, vielleicht angestachelt durch den riesigen Erfolg der Studie zum AA, hagelt es plötzlich Kommissionen und Arbeitsgruppen: Am BMWi gibt es seit „Anfang 2011 einen Arbeitsstab Geschichtskommission“, am BMJ wurde „im April 2011 eine Projektgruppe ‚Aufarbeitung der NS-Zeit in Justiz und Justizverwaltung’ eingerichtet“, am BMF gibt es bereits seit „Juli 2009 eine mit internationalen Wissenschaftlern besetzte Historikerkommission“, das BMAS „prüft derzeit“, ob man eine Kommission einsetzen wolle, „die Bundesanwaltschaft und die obersten Gerichtshöfe des Bundes planen ein gemeinsames rechtsgeschichtliches Forschungsprojekt“, den BND untersucht eine „Unabhängige Historikerkommission“, für den Verfassungsschutz wurde eine Forschungsgruppe ins Leben gerufen, nur die Untersuchungen zu BKA und BGS sind bereits abgeschlossen.

Es gibt also noch viel zu tun. Ob all diese Kommissionen als Reaktion auf die Anfrage der Linken eingesetzt wurden, wird nicht mitgeteilt. Die Auseinandersetzung mit dem „Dritten Reich“ scheint damit jedenfalls in eine neue Phase einzutreten. Eine letzte große Synthese in staatlichem Auftrag, fast sieben Jahrzehnte nach Kriegsende. Rechtshistoriker wird man in den nächsten Jahren in großer Zahl benötigen.