Letzte Woche habe ich in der Zeit ausnahmsweise keines Juristen, sondern eines fachfremden Justizkritikers gedacht: Emil Julius Gumbel, für das Deutsche Reich schon deshalb eine untragbare Figur, weil er außer Mathematiker auch noch Jude, Sozialist und Pazifist war. Von ihm stammen die berühmten Untersuchungen über die politischen Morde zu Beginn der Weimarer Republik, als er statistisch nachwies, mit welcher Milde die Justiz auf rechtsextreme Täter reagierte und wieviel Härte demgegenüber linksextreme Gewalttaten erwarten mußten. Ein verdienter Mann mit einem bewegten Leben.

Erfreulicherweise melden sich auf diese Artikel immer Leser. Mal mehr, mal weniger; diesmal – vielleicht wegen der besonderen Aktualität – auffallend viele. Allein auf der Internet-Seite der Zeit haben sich mittlerweile über 40 Kommentare angesammelt, dazu kommt noch ein gutes Dutzend Emails. Unter den Reaktionen ist fast nichts, was einen besonders überraschen müßte: manche sind klug, manche sind dumm, manche ergänzen, manche verdammen, manche sagen einfach, was sie schon immer sagen wollten, auch wenn es mit dem Artikel nichts zu tun hat. Aber unabhängig vom einzelnen Beitrag ist diese Resonanz insgesamt eine wunderbare Sache. Die Zeitung sorgt dafür, daß auch der wissenschaftliche Autor ein ihm ganz unbekanntes Wesen kennenlernt: den Leser. Eine heilsame Begegnung. Und manchmal ist ja doch eine überraschende Reaktion dabei. Ein Leser hat mich auf folgenden, mir bis dahin unbekannten Sachverhalt hingewiesen: Seine Großmutter hatte einen Cousin, der – so erzählt man sich – bei der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg beteiligt war, ein gewisser Hermann Wilhelm Souchon. Dieser Herr Souchon hatte einen Vater, dessen Bruder der Marine-Admiral Wilhelm Souchon war. Und dieser Wilhelm Souchon war in zweiter Ehe mit einer Violet LAHUSEN verheiratet. Ach du Schreck! Mit klopfendem Herzen mußte ich feststellen, daß Violet, angeheiratete Tante eines rechtsextremen Terroristen, tatsächlich eine Cousine meines Großvaters war. Das Verwandtschaftsverhältnis, das mich mit ihr oder gar mit dem Totschläger selbst verbindet, vermag ich leider nicht anzugeben. Aber sicher ist: Die Mörder sind mitten unter uns.