Helmut Dau war ein Jurist und fleißiger Bibliothekar. Lange Jahre leitete er das Sondersammelgebiet Rechtswissenschaft, das die DFG bei der Berliner Staatsbibliothek angesiedelt hat, anschließend übernahm er die Leitung des Wissenschaftlichen Dienstes am Bundesverwaltungsgericht, außerdem gehörte er zu den Gründern der Arbeitsgemeinschaft für juristisches Bibliotheks- und Dokumentationswesen. Um 1960 herum muß Helmut Dau einen Plan gefaßt haben, der damals wohl nicht nur realisierbar erschien, sondern sogar irgendeine Form von akademischem Gewinn versprach: er nahm sich vor, sämtliche Festschriften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit allen ihren Beiträgen zu bibliographieren. Der erste Band konnte 1962 erscheinen und umfaßte die Zeit seit 1945 – 16 Jahre also –, danach wurden die Intervalle immer kürzer, bis ein zehnter und vermutlich letzter Band 2006 noch ganze zwei Jahre Festschriftenauswurf beschreiben konnte, und zwar die Jahre 1997 bis 1999. Selbst der größte Sammlerfleiß wurde von der juristischen Festschriftenwut überfordert. Der Bibliograph kam nicht mehr hinterher.

Der arme Herr Dau hatte zu Beginn seines Vorhabens wohl geglaubt, eine „Festschrift“ sei eine besondere, exponierte, irgendwie feierliche Angelegenheit, die nicht für jedermann bei jedem Anlaß vergeben würde und den einen oder anderen Beitrag enthalten müßte, der mehr Interesse für sich in Anspruch nehmen könnte als ein beliebiges Produkt der Alltagsjurisprudenz. 1984, als ihm langsam dämmern mußte, daß seine Prämissen falsch waren, hat er vorsichtig versucht, mit der Vernunft des Bibliothekars einige Regeln zu formulieren, um das Festschriftenwesen irgendwie zu bändigen: man solle versuchen, das übergreifende Thema etwas enger zu fassen, die Schrift an sich sollte nicht länger als 500 Seiten sein, kein Beitrag dafür kürzer als 20 Seiten, weil Festschriften- und Zeitschriftenbeiträge sonst austauschbar würden. Genützt hat es bekanntermaßen nichts. Die Festschriften wurden immer dicker, ihr Anlaß immer nichtiger, ihre Beiträge immer beliebiger. Mittlerweile erscheinen um die 70 Stück pro Jahr, Tendenz ungebrochen steigend. 2010 ist Helmut Dau verstorben. Ob seine hoffnungslose Sammlung einen Nachfolger gefunden hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Die bibliothekarischen Vorschläge von Helmut Dau enthielt der gewissermaßen nullte Band des ganzen Projekts, der eben 1984 erschien. Er bibliographierte die komplette Zeit von 1864 bis 1944, von der ersten Festschrift für den deutschen Juristentag bis hinein in den Abgesang des 1000jährigen Reiches, dessen letzte juristische Äußerung wohl die Festschrift für Leopold Wenger sein dürfte. Vor einiger Zeit nun habe ich diesen nullten Band zum Anlaß genommen, die erste Individualfestschrift für einen Juristen zu feiern, verliehen 1868 an Moritz August von Bethmann-Hollweg (FS Festschrift, in Myops 4/2008, 64 ff.). Wie ich nun jedoch feststellen mußte, beruhte mein Rückblick auf einem schwerwiegenden Irrtum: Bethmann-Hollweg war gar nicht der erste. Der allererste war, wie kann es anders sein, natürlich der allergrößte höchstselbst, der berühmteste, eleganteste, nobelste und meistgefeierte deutsche Jurist aller Zeiten, dem gewissermaßen ein historischer Anspruch auf die erste Festschrift überhaupt zukommt: Friedrich Carl von Savigny. Zum goldenen Doktorjubiläum überreichte ihm jener Bethmann-Hollweg, den ich für den ersten Empfänger hielt, eine „Festgabe dem Fürsten Deutscher Rechtslehrer“, die den Obertitel trug „Ueber die Germanen vor der Völkerwanderung“ (Bonn: Adolph Marcus, 1850). Im Vorwort gratuliert Bethmann-Hollweg – zunächst der Marburger Fakultät und ihrer „Prophetengabe“, dann dem ganzen „Vaterlande“, weil es „das Glück hat, Sie noch zu besitzen“, schließlich dem Meister selbst, der „in männlicher Kraft uns mit einer Fülle der edelsten Schöpfungen“ bedacht habe. Wie wahr! Es folgen die Germanen.

Bethmann-Hollweg war also nur der erste Schenker, nicht der erste Beschenkte. Daß Dau ihn übersehen hat, erscheint mir wenig wahrscheinlich. Vielmehr gibt er an, „Einverfasserschriften“ generell nicht aufgenommen zu haben, weil sie schon anderweitig ausreichend bibliographiert seien. Für einen Bibliothekar durchaus verständlich. Der Gattung geht dadurch jedoch mehr als ein Jahrzehnt mit womöglich vielen anderen Einverfasserfestschriften verloren. Und in einem unbefangenen Dau-Leser, der in einer Mußestunde die zehn Bände von vorn bis hinten durchblättert, muß unweigerlich der empörende Glaube entstehen, die Juristen hätten die grundlegende Bedeutung des gottgleichen Oberjuristen an diesem einen, für die Selbstdarstellung des Faches so zentralen Punkt nicht hinreichend gewürdigt. Nein, der Rechtsfürst war selbstredend auch der Festschriftenfürst. Um Kenntnisnahme wird gebeten.