Seit kurzem suche ich den Kontakt zur Rechtswirklichkeit. Mich interessiert, wie die deutsche Justiz ihren Alltagsdienst in den letzten Monaten des „Dritten Reiches“ geleistet hat und ob sich daran irgendetwas geändert hat, als plötzlich alliierte Panzer vor der Tür standen. Um das herauszufinden, muß man ins Archiv. Ehrliche Forscherarbeit also, saubere Quellen, altes Papier, unediertes Material. Rechtshistorischer Glanz bringt die Augen zum Leuchten. Allerdings nur dort, wo einem der Archivar den Blick durch die Tür gestattet.

Bisher gab es darüber keinen Grund zur Klage. In Ludwigsburg und in Stuttgart öffnet freundliches Personal die Pforten, auf kurzem Dienstweg erhalten Anträge auf Verkürzung allfälliger Sperrfristen eine mündliche Bewilligung noch am Platz, archivarische Sachkunde ergänzt manche Bestellung um weiteres Material, weil es wohl besser zum Forschungsvorhaben passe als die gewünschten Akten. Die Archivare hatten immer recht. Dazu gibt es an der Pforte eine Tasse Kaffee für 40 Cent (Stuttgart) bzw. 60 Cent (Ludwigsburg).

Nun aber: Düsseldorf, unter sämtlichen deutschen Landesarchiven eines von zweien, die mir vorab Auskünfte nur gegen Gebühr angeboten haben. Vor Ort natürlich nur rheinische Frohnaturen, allesamt strotzend vor Leutseligkeit und bereits von Geburt an mit der besten Laune auch in mißlichen Lagen ausgestattet. Lustig sind sie wirklich. Aber mit ihrem Datenschutz haben sie mich erschlagen. Von den gewünschten Findbüchern konnte ich etwa jedes vierte einsehen, der Rest ist gesperrt. Bei den Beständen selbst sieht es noch schlimmer aus. Rund 90% sind unzugänglich – zivilrechtliche Verfahren vor dem Landgericht der Jahre 1944-46, wohlgemerkt. Mein Hinweis, daß sämtliche Parteien heute mindestens 100 Jahre alt müßten, half nichts. Wenn sich aus der Akte kein Sterbedatum ergäbe, bliebe mir nur die Möglichkeit, selbst Beweis anzutreten. Wir lachen beide. Was soll man machen? Verrückte Paragraphenwelt.

Der marginale Rest übrigens, den unerhörterweise jedermann ansehen kann, lagert zu meinem Unglück in der Außenstelle Kalkum. Bestellungen bis 12 Uhr kommen am nächsten Öffnungstag, alles weitere eben später, in meinem Fall, man bedauert, erst am Montag. Heute ist Donnerstag. Vier erzwungene Feiertage in Düsseldorf. Statt ins Archiv könne ich ja morgen zum Frühschoppen in die Altstadt, triumphiert die diensthabende Frohnatur. Heiterkeit von allen Seiten, 8.30 Antritt zur allgemeinen Verbrüderung zwischen dem Archiv und seinen Nutzern, Kaffee wird anderswo getrunken, in Düsseldorf gibt es nur Bier.

Und das ist erst der Anfang. Ich will schließlich auch noch an die gesperrten 90%. Aber leider, leider, man bedauert, vier Wochen braucht es, um den Antrag auf Sperrfristverkürzung zu bearbeiten. In einem Monat kann ich die gesperrten Findbücher einsehen und irgendwann sicher auch die geheimen Akten. Aber nicht zu viele auf einmal. Mehr als 20 Archiveinheiten pro Tag und Lieferung sind nicht erlaubt. Ausnahmegesuche können per Email gestellt werden, aber leider gibt es keinen Internetzugang für Archivnutzer. Das Düsseldorfer Internet reicht nicht einmal bis Detmold, wo die zweite Zweigstelle des Archivs ihre Dienste anbietet. Recherchen sind nur zuhause möglich, nicht im Lesesaal. Verrückte Technikwelt. Pflichtschuldiges Lachen ist die Antwort.

Macht alles nichts. Wahrscheinlich gibt es sogar in Düsseldorf ein Internetcafé. Ansonsten eben verlängerter Suff in der Altstadt.

Wenn sie nicht alle so nett wären – man könnte fast meinen, sie wollten einem Böses.