Ich habe die Düsseldorfer unterschätzt. Um ihr Geheimarchiv zu schützen, entwickeln die Frohnaturen mehr Böswilligkeit, als ich ihnen zugetraut hätte. Statt der angekündigten vier Wochen dauert es bloß sechs Tage, bis mein Antrag auf Sperrfristverkürzung abgelehnt ist. Das Maß an administrativer Indolenz, das dafür mobilisiert wird, überrascht mich.

Man belehrt mich zunächst, eine Sondergenehmigung könne „nicht auf alle Bestände eines Verwaltungsbereichs wie etwa der Justiz“ bezogen werden. Das ist sicher richtig, betrifft mich aber gar nicht, weil ich mich für höchstens 10% aller Gerichte interessiere. Bei diesem Zehntel hätte ich meine Wünsche auch sehr gerne genauer artikuliert – das ist leider daran gescheitert, daß sogar die Findbücher gesperrt sind. Also mußte ich für diesen kleinen Teil eine großflächige Sondergenehmigung beantragen; man sieht eben nicht, was man nicht sieht. So, weiß ich jetzt, geht es nicht. Auch der blinde Fleck kann nicht einfach blindlings ausgelotet werden.

Eine mißliche Lage. Aber das Archiv weiß Abhilfe, die in der für derlei Einrichtungen typischen Mischung aus Ahnungslosigkeit und Unverschämtheit daherkommt. Ich solle eben zunächst beantragen, Einsicht in die Findbücher nehmen zu dürfen, um anschließend in einer neuen Runde die entsprechenden Anträge für die Bestände selbst zu stellen. Also: neuer Antrag, in vier Wochen Rückkehr, um einen Tag lang die Findbücher zu studieren, dann der nächste Antrag, zurück nach Berlin, weitere vier Wochen später wieder nach Düsseldorf zur Ansicht der Bestände. „Haben Sie denn überhaupt eine Ahnung, was da draußen los ist, Mann? Diese Sesselfurzer von der CIA denken, das wäre eine Cocktail-Party in Washington, Mann, aber das hier ist kein Spiel, das ist Krieg“, denke ich und bedauere, daß es mittelfristig unklug wäre, die Frohnaturen mit Filmzitaten auf ihren Sinn für Selbstironie hin zu überprüfen. Zeit und Geld spielen in der rheinischen Geschichtsschreibung keine Rolle.

Aber daß die Verwaltungsmenschen ihr Verwaltungsgut nach zweckfreien und intransparenten Regeln verteidigen, verwundert eigentlich nicht weiter. An einem anderen Punkt hatte ich bisher jedoch noch nicht einmal ein Problembewußtsein entwickelt: der wissenschaftliche Charakter meines Unterfangens schien mir bisher außer Zweifel zu stehen. Diese Selbstsicherheit war voreilig. Ich habe den Düsseldorfern – wie in der Vergangenheit andernorts auch – artig beschrieben, daß ich von einer Universität komme, was ich genau erforschen will und daß daraus einmal eine Habilitation werden soll. Bisher war man damit so zufrieden, wie ich es bin. In Düsseldorf ist aber nicht derjenige Wissenschaftler, der sich anhand eines Forschungsplanes der Wahrheit annähern will, sondern nur derjenige, dem seine Wissenschaftlereigenschaft mit Briefchen und Stempelchen von einer Institution offiziell bescheinigt wird, ein Wappen wird vermutlich nicht schaden, und jeden Zweifel dürfte ein Dienstsiegel aus der Welt schaffen, am besten mit einem eleganten Bendelchen geschmückt. Es könnte schließlich, man ahnt es, jeder kommen.

Ich bedauere kurz all die armen Wissenschaftler, die keine Qualifikationsarbeit schreiben, sondern einfach so, aus innerer Leidenschaft vielleicht, einen Artikel verfassen wollen oder – bewahre! – gleich ein Buch. Muß sich ein Professor von seinem Dekan wissenschaftliches Interesse bescheinigen lassen? Der Dekan vom Rektor? Der Rektor vom Minister? In Düsseldorf mit Sicherheit. Genau darüber aber gerate ich nun in größtes Staunen. Denn das tiefsitzende Mißtrauen des Archivs kann nur einen Grund haben: in Düsseldorf droht ein Heer von selbsternannten Wissenschaftlern jede ordentliche Archivbürokratie über den Haufen zu rennen, wenn ihm nicht durch formale Schranken Einhalt geboten wird. Ansonsten wäre schließlich die Überlegung naheliegend, das Interesse an 70 Jahre alten Zivilakten könne gar nicht anders als wissenschaftlicher Natur zu sein – eben weil sich Schreiner, Geschäftsleute oder Modemacher gewissermaßen wesensmäßig nicht für 70 Jahre alte Zivilakten interessieren.

Aber der Düsseldorfer forscht zu gerne, um seinem Archiv solche gefährlichen Gedanken zu gestatten. Hier scheint in allen Berufsgruppen ein listiger „Wissenschaftler“ zu lauern, der nur auf einen unbemerkten Moment wartet, in dem er genüßlich eine Herausgabeklage aus den 30ern oder eine Mietsache aus den 40ern studieren kann, ohne dabei auch nur einen Gedanken an Wahrheit oder Methode oder System zu verschwenden, einfach so, eine rein schreinermäßige, geschäftsmannmäßige, modemachermäßige Aktenlektüre. Ach, die Frohnaturen. Vordergründig sind sie nett. Aber sie wollen einem tatsächlich Böses.