Wer mit der Regionalbahn von Berlin nach Rostock fährt, kommt irgendwann durch das beschauliche Örtchen Waren (Müritz), idyllisch zwischen riesigen Seen gelegen, mit alten Backsteinkirchen und dem sonstigen Schmuckwerk, das Deutschlands Nordosten so schön macht. Von Süden kommend, wird der Reisende seit einigen Monaten begrüßt von einem gesprühten Aufruf „NS jetzt“, der bis zum Bahnhof noch weitere drei Mal auf Mauern und Häusern prangt. In verschwurbelter nationalsozialistischer Dialektik wird außerdem „Anti-Antifa“ propagiert, dazu mehrfach das Schicksal von „BRD=Volkstod“ bedauert, zuletzt ein „Stoppt Israel“ ausgerufen. Ist das einer dieser Orte, über den vor nicht allzu langer Zeit zu lesen war, dort wohne der Haß? Häßliche Deutsche im Rasse-Delirium? Nationalbefreite Zone?

 

Vielleicht. Aber der Staat weiß, was zu tun ist. Seit einigen Monate patrouilliert die Polizei in der Regionalbahn, immer zwischen Neustrelitz und Waren, wo ihr eine knappe halbe Stunde zur Verfügung steht, um verdächtige Elemente im Zug auszumachen und zu kontrollieren. Die Zeit reicht dicke. In keinem Zug sitzt mehr als eine Person, die man mit gutem Ermittlergewissen einer Straftat bezichtigen könnte. Es scheint nämlich nur ein einziges Kriterium zu sein, was den Reisenden zum Verdächtigen macht. Er muß wie ein Ausländer aussehen. Dunkelhäutig, dunkelhaarig, südländisch, asiatisch, irgendwie fremd. Ausländer in einer Mecklenburger Regionalbahn sind per se verdächtig. Auf der letzten Reise war es eine Dame mittleren Alters, vermutlich mit thailändischen Wurzeln. Eine Beamtin sprach sie höflich auf Reiseziel und Papiere an. Die Verdächtigung erwies sich rasch als falsch. Die Dame entschuldigte sich, daß sie keinen Ausweis dabeihätte und zeigte stattdessen einen der alten rosa Führerscheine vor, der sie schon durch seine bloße Existenz als Alteingessesene auswies. Fehlschlag also. Die Beamtin blätterte dienstbeflissen ein Weilchen in dem alten Dokument herum, schickte noch die Frage hinterher, ob die Angesprochene schon lange in Berlin wohne, und wünschte schließlich gute Weiterfahrt.

Die letzten 10 Minuten bis Waren saß die Staatsgewalt im hintersten Waggon und las eine Illustrierte. Die Arbeit war getan. Als der Zug in Waren einlief, erhob sie sich gut gelaunt. Wieder keine besonderen Vorkommnisse zu vermelden.