Seit ein paar Monaten schreibe ich einen Essay über Friedrich Carl von Savigny. Es handelt sich dabei nicht um meine Dissertation, auch nicht um die Habilitation, sondern einfach um ein Buch, geschrieben auf äußere Anregung, getragen von innerem Interesse. Als ich damit begonnen habe, war ich als Rechtshistoriker an der Universität Rostock angestellt. Wenn das Buch erscheint, werde ich das noch immer sein. Als Universität könnte man eine Arbeit über Savigny prinzipiell für eine löbliche Beschäftigung halten, weil doch zum Untergang verdammt ist, wer nicht mehr publiziert. Der Welt-Citation-Index verlangt Nahrung. Außerdem hat irgendwer irgendwann einmal die Einheit von Forschung und Lehre behauptet, worauf man sich auch heute noch gerne beruft. Wie auch immer – man könnte sich auch als risikoscheuer Zeitgenosse zu der Behauptung versteigen, ich hätte so etwas wie ein professionelles Interesse an einem Buch über Savigny.

In Rostock ist man nicht dieser Ansicht. Wenn ich ein wissenschaftliches Werk publiziere, ist das mein Privatvergnügen. Anfang des Jahres hat die Verwaltung einen aufgeregten Brief an alle Mitarbeiter verschickt, in dem im Hinblick auf eine vermutete Rechnungsprüfung eindringlich darum gebeten wurde, die Anzeigen von Nebenbeschäftigungen, notfalls auch rückwirkend, zu aktualisieren. Weil ich nicht weiß, was im öffentlichen Dienstrecht eine Nebenbeschäftigung ist und weil das aus derartigen Schreiben mit einem vertretbaren Aufwand grundsätzlich nicht herauszufinden ist, habe ich Google befragt. Auch dort leider nur ein diffuses Bild, aber grob gesagt, war die Rede davon, daß bezahlte Geschäfte ab gut 1000,- € angezeigt werden müssen, selbst bei bloß teilzeitbeschäftigten Angestellten wie mir. Also habe ich eine artige Anzeige verfaßt und darauf hingewiesen, daß ich gelegentlich wissenschaftlich publiziere und gelegentlich ein wenig Geld dafür bekomme.

Vielleicht war das dumm. Vielleicht hätte ich selbst betonen müssen, daß rechtshistorische Forschung bei einem Rechtshistoriker eigentlich genau das ist, was eine Universität von ihm erwarten darf. Vielleicht hätte ich auch Stillschweigen darüber bewahren sollen, daß ich als Angehöriger des Mittelbaus einfach so ein Buch schreibe, ohne Qualifizierungsabsichten oder sonstige akademische Notwendigkeiten. Jedenfalls habe ich auf dem Dienstweg eine nüchterne Eingangsbestätigung meiner Anzeige erhalten, die unter anderem folgenden Passus enthält:

„Bei Inanspruchnahme von Personal, Einrichtung und/oder Material der Universität Rostock in Ausübung Ihrer Nebentätigkeit ist ein Nutzungsentgelt gemäß § 14 NLVO M-V zu zahlen.

Für die Inanspruchnahme bedarf es einer vorherigen schriftlichen Vereinbarung.

Telefonate oder E-Mail-Verkehr vom Arbeitsplatz im Rahmen Ihrer Nebentätigkeit sind nicht gestattet.... Eine Erteilung von Auflagen bzw. eine Untersagung der Nebentätigkeit nach deren Aufnahme wird sich ausdrücklich vorbehalten.“

Ein entwaffnend ehrliches Schreiben. „Universität“ und „Forschung“ gehören nicht zusammen, schon gar nicht in den Niederungen des Mittelbaus. Aber so offen habe ich es noch nie gehört. Ich will im Gegenzug auch offen sein. Ich habe meinen Schreibtischstuhl durchgesessen, um über Savigny nachzudenken. Ich habe gelegentlich das Licht angeschaltet, ohne die Gedanken umgehend auf die nächste Vorlesung zu richten; die Universitätsbirnen haben auch Savigny beleuchtet. Ich habe dem Computer Informationen über Savigny entlockt und dabei die universitätseigene Internetverbindung genutzt. Ich habe (außerhalb der Kernzeit) vom Arbeitsplatz eine Email an den Verlag geschickt. Ich habe der Kantine zwei subventionierte Stammessen entnommen (einmal Jägerschnitzel, einmal Letscho), obwohl mein Hunger auch Resultat der anstrengenden Savigny-Studien war. Ich habe mein Fahrrad auch während der Forschungsarbeit im Dienstschuppen untergestellt. Ich habe bei der Universitätsbibliothek Bücher von und über Savigny entliehen. Ein besonders altes Buch habe ich in den Räumen der Bibliothek selbst gelesen und mich dabei an der dortigen Heizung gewärmt. Ich habe meinem Privathirn unrechtmäßig Teile meines Berufshirns einverleibt. Ich habe der Universität Wissen entnommen, das mir in meiner Freizeit nicht zusteht, ohne vorherigen Hinweis, ohne schriftliche Zustimmung, ohne Geld dafür zu bezahlen.

Aber, aber, wer wird denn gleich? Das ist doch alles nur ein bedauerliches Mißverständnis. Man darf von der Universitätsverwaltung nicht erwarten, daß sie eine Ahnung oder wenigstens ein Interesse daran hat, wie außerhalb der Verwaltung gearbeitet wird. Das sind eben automatisierte Prozesse. Ohne Regeln geht es nicht, das müssen Sie doch einsehen. Wir hatten mal den Fall, da wollte ein ebenfalls teilzeitbeschäftiger Mitarbeiter, gerade so in Ihrem Alter, in der Bibliothek einen Porno drehen, da sind wir natürlich gezwungen, energisch einzuschreiten. Haha, der hat sogar ein Nutzungsentgelt angeboten, aber da sind wir hart geblieben. Publizieren Sie ruhig weiter, junger Mann, die ganze Universität steht hinter Ihnen. Wir wollen nur wissen, daß und was. Und wann. Und wo. Halbe Stelle, sagen Sie? Können Sie Ihre Forschung nicht vielleicht Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag? Oder jeden zweiten Freitag ganztätig? Und auf keinen Fall hier im Hause. Gehen Sie doch an den Strand! Oder besser noch: Suchen Sie sich ein schönes Café! Wie damals in Wien! Bei einer großen Tasse Muckefuck! Ach, ich beneide Sie um Ihre Möglichkeiten! Vergessen Sie nur nicht, uns auf dem laufenden zu halten!

Tja, so sind eben die Vorschriften. Nichts zu machen. Ich sehe es ein. Eine Frage habe ich trotzdem: Welche Schließmuskeln müssen beschädigt sein, damit einem Verwaltungshirn ungehindert solche Gedankenfürze entweichen können?