Vor vielen Jahren, es muß wohl in der elften Klasse gewesen sein, war ich einmal während eines Schulausflugs nach Weimar im KZ Buchenwald, begleitet von einem bildungsstrotzenden Altphilologen, der sich trotz seiner leichten Verschrobenheit allseits größter Beliebtheit erfreute. Die Schüler gingen im KZ schnell auseinander und wandelten in Grüppchen über das weitläufige Gelände, und so kam es, daß ich irgendwann mit ein oder zwei Mitschülern auf den einsamen Lehrer traf, der gedankenverloren am Rande des Lagers stand und über die Reste des Zauns in den angrenzenden Wald stierte. Sobald er uns wahrgenommen hatte, deutete er wortlos auf ein Schild, das den Stamm eines dicken alten Baumes zierte, der da direkt neben der Vernichtungsanlage stand: Naturschutzgebiet!, war dort zu lesen, ergänzt um eine Liste von Verhaltensregeln, von deren Einhaltung die Behörden sich das bessere Gedeihen des schönen Buchenwaldes versprach. Wir schwiegen alle bedrückt, weil keiner wußte, was die Etiquette in einer solchen Situation vorsieht und weil keiner den bewunderten Lehrer in seiner Erschütterung stören wollte.

Ich gestehe, daß wir spätpubertierenden Beobachter diese Erschütterung nicht uneingeschränkt nachvollziehen konnten. Naturschutzgebiet, na und? Der Buchenwald kann doch nichts dafür. Naturschutz beschränkt sich doch irgendwie auf den Schutz der natürlichen Natur, die ist schließlich wehrlos, während die menschliche Natur nicht geschützt werden muß, weil sie selbst für sich sorgen kann. Asylrecht ist schließlich auch kein Naturschutz. Also ist es auch kein Widerspruch, Menschen zu schlachten und daneben Bäume zu schützen, und sowieso wird das Schild erst angebracht worden sein, als das KZ seine grausige Bestimmung bereits verloren hatte. Etwas derartiges muß uns wohl durch den Kopf gegangen sein.

Letztes Wochenende war ich wieder im KZ, diesmal in Sachsenhausen, dem Hauptstadt-KZ, 1936 als eine Art Musteranlage mitten in Oranienburg errichtet. Auf dem Gelände wurde nach der Kapitulation ein sowjetisches Speziallager betrieben; seit den 60ern befindet sich dort eine Gedenkstätte. Vor dieser letzten Umwidmung wurde allerdings ein direkt ans Lager angrenzender Industriekomplex von den DDR-Behörden gesprengt; darin und davor befanden sich ein Folterkeller, einige Zellen, eine Erschießungsanlage, eine Gaskammer und ein Krematorium. Weil das Eingangsgebäude „Station A“ hieß, hatte sich die SS für ihre Mordkammern „Station Z“ ausgedacht. Endstation.

Nach den erheblichen Eingriffe während der DDR-Zeit wurde das ganze Lager nach 1990 restauriert und teilweise baulich ergänzt. Die Arbeiten sind gut vorangekommen; das Eingangsgebäude mit dem berüchtigten Tor erstrahlt bereits wieder in preußischem Gutsherrenglanz, vor der ehemaligen Kommandantur dagegen informiert noch das obligatorische Schild: „Hier baut das Land Brandenburg, vertreten durch …“ – kein Bau ohne Baurecht. Aber am meisten war an der alten, stark demolierten Tötungsanlage zu tun. Ehedem war sie durch eine Mauer vom Lager getrennt, die allerdings ebenfalls der DDR-Erinnerungskultur zum Opfer gefallen ist. Heute ist sie wieder da: eine ganze Reihe steriler Betonplatten, die wie vor 1945 den Blick auf die Mordmaschine dahinter verbergen und zugleich als eine Art Informationstafeln dienen. Am Rand ist ein Durchgang zu den Erschießungsgruben; dahinter steht ein neuer Museumskomplex, der das Tötungsgeschäft dokumentiert, ebenfalls ganz in Beton gehalten und ästhetisch auf etwas irritierende Weise ansprechend. Kehrt man nach Besichtigung der Vernichtungsanlagen durch die Mauerlücke ins eigentliche Lager zurück, dann fällt der Blick unweigerlich auf ein Schild, das prominent auf der Rückseite einer der sterilen Betonplatten prangt und stolz verkündet:

Deutscher Stahlbaupreis 2006, Gedenkstätte Sachsenhausen „Station Z“, Prof. HG Merz Architekten

Wunderbar! Man muß guten deutschen Stahlbeton schließlich wieder als das bezeichnen dürfen, was er ist (nämlich guter deutscher Stahlbeton). Warum also nicht gleich vor Ort? Wünschenswert wäre freilich noch eine weitere Tafel, auf der der beeindruckte Betrachter seine herzlichsten Glückwünsche für diesen gelungenen Bau hinterlassen könnte, oder besser noch: ein Touchscreen für den Gefällt-mir-Daumen. I like Deutscher Stahlbau! Was mein Lateinlehrer dazu wohl sagen würde?