Diese Woche am Kiosk. Mein Blick fällt auf den Titel des Spiegel: gelber Hintergrund, blaue Schrift, „Ikea Intern“, darunter: „Die Legende vom ehrlichen Möbelhaus“, darunter eine Dame und ein Herr, die auf einem Ikea-Sofa sitzen und im Ikea- Spiegel lesen, noch einmal darunter: „Träumst du noch oder liest du schon?“. Naja. Wenn einem gar nichts mehr einfällt, werden eben Werbeslogans verballhornt. Ich kaufe den Spiegel trotzdem. Von Ikea habe ich zuletzt gehört, daß sie in den 80ern ihre Möbel von DDR-Häftlingen produzieren ließen. Wenn der Spiegel darüber Interna zu berichten hat, soll mir auch sein aufgemotztes Titelblatt recht sein.

Es wird eine erbärmliche Lektüre. Ikea behauptet von sich hartnäckig, überschaubar, schwedisch, sozial zu sein und insgesamt die Welt besser zu machen – man wolle, zitiert der Spiegel eine Ikea-Broschüre, „einen wertvollen Beitrag zum Demokratisierungsprozess leisten“. Beim Spiegel hat man derlei größenwahnsinnige Markenpflege – die zur „Philosophie“ geadelt grundsätzlich von jedem Pizzabäcker betrieben wird – offensichtlich jahrzehntelang geglaubt. Nun stellt man enttäuscht fest, daß ein Unternehmen, das 338 Filialen in 41 Ländern betreibt und einen Umsatz von 27,5 Milliarden Euro erwirtschaftet, gar nicht von Altruismus angetrieben wird. Ein echter Skandal!

Aber die Indizien, die die desillusionierten Spiegel-Redakteure zusammengesammelt haben, sind wirklich erdrückend. Man erfährt, daß das Unternehmen Ikea eine komplizierte Struktur hat, um Steuern zu sparen, daß sein Hauptsitz gar nicht in Schweden liegt, daß der eigenwillige Firmengründer sich immer weiter aus dem Geschäft zurückzieht, daß Ikea seine Produkte auf eine Weise anordnet, die möglichst hohe Verkaufszahlen verspricht usw. usf. – Gemeinplätze, garniert mit zwei, drei Interviews und einem Besuch im Ikea-Schulungszentrum, von den ankündigten „Interna“ keine Spur. Ikea, schreibt der fassungslose Spiegel, schreckt nicht einmal davor zurück, in seinen Geschäften Mitarbeiter mit Stift und Klemmbrettern ausschwärmen zu lassen, um besser über die Kundenwünsche informiert zu werden. Hinter den asozialen Pseudoschweden verbirgt sich also ein hypermoderner Datenkrake, der „selbst Facebook und Google neidisch werden“ läßt, wie der mit allen digitalen Wassern gewaschene Spiegel scharfsinnig ermittelt hat.

Das ist so eine Stelle, an der die anklagende Larmoyanz nicht mehr nervt, sondern nur noch belustigt. Die ganze Spiegel-Redaktion muß mit besonderer Leidenschaft bei Ikea Möbel gekauft und Hotdogs gegessen haben, so tief verletzt ist nun die Liebe der Hamburger Journalisten zu den humanistischen Raumausstattern, die sich unter der unbestechlichen Analyse eines Spiegel-Titels plötzlich als kühle Geschäftsleute entpuppt haben. Über die DDR erfährt man leider nichts (was auch nicht angekündigt war), über die Arbeitsbedingungen bei Ikea-Zulieferern und -Vertragspartnern ein bißchen, bevor der Artikel in einem Schlußabsatz „Die Zukunft“ kulminiert: Ikea hat in London einen ganzen Stadtteil aufgekauft, will dort Wohnungen bauen und diese nach Fertigstellung verkaufen – aber nicht, wie man beim Spiegel erwartet hat, an „Ikea-Kunden mit kleinem Geldbeutel“, sondern an denjenigen, der am meisten zahlt. „Geldverdienen ist endgültig zum Selbstzweck geworden“, resümiert der Spiegel angeekelt.

Und natürlich deutlich zu kurz gegriffen. Ikea verdient nicht Geld um des Geldverdienens willen, sondern damit das Unternehmen wächst oder damit die Managergehälter steigen oder damit die Anleger eine höhere Rendite bekommen. Man verdient Geld, damit man in Zukunft noch mehr Geld generieren kann. Alles irgendwie komplex, aber man hat derartige Phänomene irgendwann einmal unter dem Stichwort „Kapitalismus“ zusammengefaßt, das, auch wenn es kaum trennscharf zu benutzen ist, manche Hypothese gestattet, wie zum Beispiel die, daß Weltkonzerne auch dann nicht als Sozialamt fungieren, wenn sie es selbst von sich behaupten. Wer anderes glaubt, ist entweder dumm oder naiv.

Der Spiegel von morgen hat übrigens ein neues, packendes Titelblatt. „Die Deutsche Skandal-Bank. Eine Institution ruiniert ihren Ruf“, ausgestattet mit Farbe, Schrift und Logo der Deutschen Bank. Was der Spiegel darüber wohl herausgefunden hat? Daß auch sie nur zum Selbstzweck Geld verdient? Daß ihr die Realwirtschaft weitgehend egal ist? Daß sie keine Mikrokredite an Kleinbauern in Bangladesch vergibt? Derartiges wird bestimmt im Spiegel zu lesen sein. Aber ohne mich. Noch so eine Enthüllung ertrage ich nicht.