Zurück in Düsseldorf, zehn Monate nach dem letzten Besuch. Mittlerweile sind alle Anträge gestellt, die Formulare ausgefüllt, ein offizielles Schreiben bescheinigt mein wissenschaftliches Interesse an den alten Gerichtsakten. Der Dienstweg ist erfolgreich beschritten. Für 30,- € gibt es sogar eine eigens für mich erstellte Übersicht über die einschlägigen Bestände.

Und nun sprudelt das Archiv aus allen Quellen. An einem verschneiten Dienstag betrete ich den Lesesaal, werde mit einem fröhlichen „Guten Morgen, Herr Lahusen!“, begrüßt. Auf meinem Platz: ein dicker Stoß Akten. Dazu Einsicht in alle Findbücher. Ich suche weiter und finde gut 600 Gerichtsverfahren, die nach Aktenzeichen relevant sein könnten. Bestelle 30. Werde darauf aufmerksam gemacht, daß mehr als 20 eigentlich nicht gehen; für mich gibt es aber ab sofort eine Sondergenehmigung. Der Aktenberg wächst jeden Tag, immer neue Schuber, Büschel, Boxen werden herangetragen, Sondergericht Aachen, letzte Kriegstage, d.h. Sommer 1944. Man verhandelt, als würde das Tausendjährige Reich tatsächlich noch tausend Jahre währen, terminiert fröhlich vor sich, behandelt die letzte Lappalie mit akribischer Detailversessenheit, Schwarzschlachter, Plünderer, Volksverhetzer, Feindhörer, von marginalen Geldbußen bis Todesstrafen ist alles dabei.

Und dann kommt die Evakuierung. Das Sondergericht werkelt weiter vor sich hin, angesetzte Hauptverfahren werden ordentlich abgesagt, und dann verstreut es die Aachener Juristen in alle Ecken des Reiches, „Sondergericht Aachen, z.Zt. Siegburg“, „Sondergericht Aachen, z.Zt. Frankfurt-Hoechst“, sogar ein handgeschriebenes Zettelchen „Sondergericht Aachen, z.Zt. Bautzen“ findet sich bei den Akten, das ein geflohener Richter in Bautzen an ein Amtszimmer geheftet hatte, um die dorthin verbrachten Angeklagten noch ihrer verdienten Strafe zuführen zu können.

Der Krieg geht trotzdem verloren. Die Richter und Staatsanwälte kehren zurück nach Aachen und sichten die Akten. Wo noch Haftstrafen offen sind, müssen sie dem Grundsatz nach vollstreckt werden. Manches wird von den Alliierten per Straferlaß reduziert. Manches bleibt. Vieles wird zur Bewährung erlassen. Einiges wird vom Landgericht Aachen einer erneuten Prüfung unterzogen, angeregt übrigens vom selben Staatsanwalt, der zuvor die Anklage beim Sondergericht geführt hat und abgeurteilt unter Vorsitz eines ehemaligen Assessors am Sondergericht. „Das Sondergericht scheint unter Erwägung ...“, „man gewinnt den Eindruck, das Sondergericht habe...“, schreibt er dann, der gar nicht mutmaßen müßte, denn die inneren Motive des Sondergerichts sind ihm ja kraft Mitwirkung bekannt.

Und so geht es Tag für Tag, Nazi-Akte um Nazi-Akte, ein Meer von Verfahren, Formularen, Vordrucken, sieht irgendwie alles aus wie heute auch und irgendwie auch nicht. Die letzte Begnadigung (wegen Betrug am Reich um 150,-: falsche Angabe nach Fliegerangriff) kommt Anfang der 50er Jahre, nach insgesamt neun Jahren strafrechtlicher Verfolgung einer alleinerziehenden Mutter, wohnhaft im Aachener Bunker, wo sie von den alten neuen Juristen schließlich aufgespürt wird. Ordnung muß eben sein, und Chaos ist immer noch besser als Anarchie.

Was soll ich damit? Ich weiß es nicht.

Die Düsseldorfer jedenfalls muß ich rehabilitieren. Sehr freundlich, sehr hilfsbereit, sehr zuvorkommend. Und wenn der Dienstweg eingehalten ist, kann man sogar einmal fünfe gerade sein lassen.