Vor sieben Jahren habe ich schlechte wissenschaftliche Praxis betrieben – nicht als Ehrenautor, als Abschreiber, Plagiator, Kopist oder Zeilenschinder, sondern als Rezensent. Bei der Lektüre eines selbsternannten Lehrbuchs zur juristischen Methode hatte sich ergeben, daß der Autor fröhlich und häufig sinnentleert zusammenkopiert hatte, was immer auf seinem Schreibtisch gelandet war.

Eine heitere Collage verschiedenster Schnipselchen und Fitzelchen, die – von ihrer inhaltlichen Armut abgesehen – nur von dem irreführenden Deckblatt verunziert wurde, das als Urheber auswies, wer tatsächlich gar nicht der Urheber war. Darauf habe ich hingewiesen. Darin läge, nach heutigem Maßstab, ein Verstoß gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis. Denn seit kurzem macht sich nicht nur der Plagiator strafbar, sondern auch der Berichterstatter, korrekt: der „Hinweisgeber (Whistle Blower)“.

So jedenfalls hat sich das die Hochschulrektorenkonferenz gedacht. In Ihren jüngsten Empfehlungen für Regeln guter wissenschaftlicher Praxis heißt es, „regelmäßig“ verstoße derjenige selbst „gegen die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis“, der sich mit einem „Verdacht an die Öffentlichkeit wendet“. Bei der DFG, so deuten es die Empfehlungen an, sollen demnächst ähnliche Richtlinien verabschiedet werden. Ulrike Beisiegel, die Vizepräsidentin der HRK, hat diesen eigenartigen Passus im Deutschlandfunk weiter spezifiziert: Plagiatsjäger hätten einfach die größeren Ressourcen als Universitäten und sollten diese deshalb erst informieren, bevor sie ihren Verdacht öffentlich machen. Man könne dazu ja eine Frist setzen, innerhalb derer Ombudsleute der Universität den Fall zu prüfen hätten, aber vor Ablauf der Frist solle man Stillschweigen bewahren und schon gar nicht eine der einschlägigen Plagiatsdokumentationen im Internet mit immer neuen Fundstücken füllen. „Bis ein mutmaßliches Plagiat dann ein Plagiat ist, da würde ich schon den Hochschulen gerne eine Zeit geben, das zu prüfen“, so Beisiegel.

Das klingt irgendwie rechtschaffen, vielleicht sogar „weise“, wie die ansonsten wenig angetane ZEIT meint. Vor dem inneren Auge versammelt sich ein zorniger Mob, der schon seine Mistgabeln gezückt hat, um dem mutmaßlichen Missetäter an den Kragen zu gehen, Kinderschänder, Umweltsünder, Steuerhinterzieher, was auch immer, bis im Moment der höchsten Erregung eine donnernde Stimme Einhalt gebietet. So einer wie Konsul Buddenbrook. Eine Respektsperson, ein elder statesman, ein Mahner, der tapfer vortritt, sein Verständnis für den Zorn der Masse ausdrückt, aber unerschütterlich darauf pocht, daß die Unschuldsvermutung auch für die schlimmsten Verbrecher gilt und der Rechtsstaat sich gerade im Ausnahmezustand bewähren muß, indem er an seinen Institutionen, Zuständigkeiten und Verfahren eisern festhält, obwohl vox populi am liebsten gleich den Galgen errichten würde.

Ja, so irgendwie wird sich das auch die HRK gedacht haben. Und zunächst klingt es ja auch so routiniert rechtsstaatlich, wie man es in Strafverfahren und ähnlichen Situationen eben gewöhnt ist. Aber tatsächlich ist es eine groteske, abstruse, geradezu erbärmliche Regel, die nicht die selbstauferlegte Zurückhaltung des Wissenschaftlers bezeugt, sondern in beklagenswerter Weise dokumentiert, wie weitreichend bereits die höchsten Gremien des Wissenschaftsbetriebs von administrativer Kleingeistigkeit beseelt sind. Denn die Wissenschaft ist kein Rechtsstaat, sie ist auch keine Demokratie, sie kennt keine Gewaltenteilung, keine Zuständigkeiten oder Verfahren, sondern im Idealfall nur den Austausch von Argumenten vor dem Forum der Öffentlichkeit. Dort kann sich jeder äußern, jeder kann Kritik üben, und jeder kann sich gegen Kritik verteidigen, ohne daß irgendein Beteiligter Strafe, Sanktionen oder den Einsatz von Juristen fürchten müßte. Es gibt keine Gremien, die kraft institutioneller Zuständigkeit darüber zu befinden hätten, welche Schriften in welcher Weise der Kritik zugänglich sind, es gibt keinen Staatsanwalt, keinen Richter und keinen Vollstrecker, es gibt keine „mutmaßlichen Plagiate“, die irgendwann zu „notorischen Plagiate“ o.ä. erklärt werden können, es gibt auch keine Wahrheitskommissionen oder Politbüros, es gibt nur eine Einheitsgewalt, und die repräsentiert jeder Wissenschaftler gleichermaßen. Wissenschaft ist nicht justitiabel. Es gibt deshalb auch keine wissenschaftliche Unschuldsvermutung, genausowenig wie es eine wissenschaftliche Schuldsvermutung gibt oder überhaupt irgendeine Vermutung. Wissenschaft ist kein adversarisches Verfahren, dessen letztgültige Entscheidung einem Schiedsrichter überantwortet werden könnte und schon gar nicht haben die Universitäten, an denen Wissenschaft in der Regel mehr oder wenig zufällig stattfindet, einen Anspruch auf das erste oder das letzte Wort darüber, wie ihre Produkte in der Öffentlichkeit zu rezipieren sind.

Es spricht Bände, wenn die Hochschulrektoren ihre eigenen Universitäten im Angesicht solcher – fast könnte man sagen: rechtsstaatlicher – Freiheit für überfordert halten. Die Enttarnung eines Plagiats erfordert im Normalfall eine Textkompetenz, die dem Durchschnittsdeutschen etwa ab dem zehnten Lebensjahr zur Verfügung stehen dürfte. Wenn dafür mit Rücksicht auf besondere Expertise ein eigenes Gremium eingesetzt werden soll, warum dann nicht auch für Verrisse, deren Berechtigung doch deutlich schwerer festzustellen ist? Muß dann auch erst die Universität befragt werden, ob tatsächlich ein schlechtes Buch vorliegt? Natürlich nicht, würde die HRK sagen. Aber sie selbst hat, offensichtlich gemünzt auf Vroniplag und Konsorten, eine Regel in die Welt gesetzt, die das gesamte gedruckte, ja selbst das gesprochene Wort, gleich mit inkriminiert. Wer derart unbekümmert einen solch grobschlächtigen Katalog empfiehlt, von dem wird man sich auch künftig kaum normative Sensibilität erwarten dürfen.

Die Rezension eines Plagiats wie auch der Bericht über eine solche Rezension wären jedenfalls verboten. Zuständig wäre zunächst ausschließlich die Ombudsperson der Universität. Der Anfang der wissenschaftlichen Auseinandersetzung wäre damit ein verwaltungstechnisches Verfahren, das Ende logischerweise der Gang vor die Gerichte. Was wissenschaftlich zulässig ist und was nicht, dürften dann Juristen entscheiden, die Bürokratisierung der Wissenschaft wäre bis in den letzten Winkel des Systems vorgedrungen. Ich mache da nicht mit.