Das Kölner Urteil (siehe „Schwanzabschneider“ vom 28. Juni 2012) hat die erwartbaren Wellen geschlagen. Hunderte von Texten sind erschienen. Immerhin. Das spricht für offene Diskussion im Rechtsstaat. In Moskau, zum Beispiel, beobachtet man dieser Tage ganz anderes. Jetzt hat, am 15. August in der Frankfurter Rundschau, Christian Bommarius, Journalist und Jurist, einen exemplarischen Artikel zum Kölner Urteil und dessen Folgen unter dem Titel „Beschneidung und Holocaust“ vorgelegt.

 

In Paraphrase: Rabbiner hätten gesagt, ein Beschneidungsverbot sei die schwerste Attacke auf das jüdische Leben in Deutschland seit dem Holocaust. Eine Vielzahl von Deutschen hielte diese Behauptung für hanebüchen. Was hätten denn die Beschneidung und deren Verbot mit Auschwitz zu tun? Alles, so Bommarius. Schließlich hätten schon Julius Streicher und „Der Stürmer“ gegen die Beschneidung gehetzt: „Die Beschneidungswunde wird mit Christenblut gestillt“. Und so habe denn der französische Philosoph Alain Finkielkraut ganz Recht: „Die Antisemiten in Nazi-Deutschland hassten die beschnittenen Juden. Und jetzt stellt das humanistische Deutschland im Namen des Gutmenschentums die Beschneidung wieder auf den Index.“ Bommarius: „So ist es“. Es wäre also „beschämend“ und „lächerlich“, wenn es zu einem Beschneidungsverbot in Deutschland käme: „Es wäre ein Triumph hochnäsiger Geschichtsvergessenheit“. So weit also Bommarius.

Ja, ja: Nazi-Deutschland/Auschwitz (1940er Jahre) = Mord an beschnitten Juden; BRD/Köln (2010er Jahre) = Verbot von beschnittenen Juden; d.h. Verbot = Mord, nicht ganz natürlich, aber angesichts der nicht zu vergessenden Geschichte doch auch nicht ganz und gar nicht, sondern etwas, etwas von Auschwitz klebt am Kölner Urteil. Kein Wort, nicht einmal ein Wörtchen zu den vielen komplexen Fragen, die sich etwa zu folgenden Problempaaren im Zusammenhang mit der Beschneidung stellen: (Rechts)Staat und Religion, Säugling und Jugendlicher/Erwachsener, Liberalität/Reform und Konservatismus/Tradition (im Judentum selbst etwa), Vergangenheit und Gegenwart, Nichtverfügbarkeit und Vertretungsmacht usw. Kein Ton darüber, daß es DEN Beschnittenen Juden doch wohl genauso wenig gibt, wie DEN Deutschen oder DEN Neger. Kein Wort zu den verschiedensten Strömungen und Individualitäten im Judentum und anderswo. Schlankweg für ein Beschneidungsverbot zu sein ist genauso kurzschlüssig wie schlankweg gegen dasselbe zu sein. Bommarius und sein Gewährsmann Finkielkraut sind nicht differenzierter als die Antisemiten, wenn sie den Befürwortern eines Beschneidungsverbots und denen, die jedenfalls an der Beschneidungspraxis zweifeln, den Vorwurf des Antisemitismus’ machen. Ich bin kein Antisemit (Bommarius würde vielleicht sagen: Das sagen sie alle, sie wissen nur nicht, daß sie es sind ...), und dennoch habe ich große Zweifel. Bezeichnend ist übrigens, daß die Debatte sich bald nach dem Kölner Urteil in Richtung Judentum verlagert hat. Dabei ging es im Urteil selbst nicht um einen jüdischen Fall. Im Artikel der FR, und darin ist er eben auch exemplarisch, ist von Muslimen keine Rede. Kein Wort.