La legge è illegale. Das, was man auf allen möglichen Häuserwänden von Bologna liest, ist durchaus etwas anderes, als unser schönes deutsches, etwas in Vergessenheit geratenes legal, illegal, scheißegal. Der deutsche Spruch ist leicht, unentschieden, spielerisch, eben spontihaft. Nationalmythenmäßig contraintuitiv schert er sich einen Kehricht um das Gesetz und das diesem gemäße. Anarchisch und rechtlos kommt, kam er daher. Die Parole ist nicht mehr so recht in.

Postmoderne Beliebigkeit, juristische Abolitionismen (Muß Strafe sein?), das Spiel mit der Rechtlosigkeit, mit dem Absehen von juristischer und anderer Autorität, all diese Ungebundenheiten sind im Zeitalter der neuen Disziplin im Umgang mit Geld, Leben und Liebe verschwunden. Die Experten, die Wissenden, die Pragmatiker, die Entscheider, kurz die Vernunft ist zurück. Die Diktatur des Sein-Müssens, des Unausweichlichen, des Es-geht-nicht-anders herrscht. Das-Gesetz-ist-gesetzlos-Gerede oder –Geschmiere reiht sich da ein. Wer so graffitiert ist ja ein Gläubiger, ein Gesetzesgläubiger. Das Gesetz, das ist, ist zwar illegal, es könnte, müßte, sollte jedoch legal sein, sonst hätte ja die Illegalität kein normatives Gegenstück und wäre nur leeres Gerede. Illegalität braucht eben die Legalität als Denkmöglichkeit, als Traum, als Hoffnung, als Inkarnation des Normativen. La legge è illegale steht überall – von Legitimität ist nicht die Rede, die Schmierer bewegen sich im Raum des Legalen, die vorgestellte Legitimität befindet sich im Gesetz selbst, sollte sich dort befinden. Naturrechtlicher Positivismus ist das. Oder positiviertes Naturrecht. Gott ist im Gesetz, Gott ist das Gesetz, es ist eine unheimliche rigorose Totalität in dieser Vorstellung einer lex illegalis enthalten, die einem, nationalmythenmäßig ganz komisch vorkommt. Auf der piazza maggiore stehen unterdessen Tausende, schweigend, traurig miteinander verbunden und hören der elektrisch verstärkten Stimme Lucio Dallas zu, des großen Bologneser Barden, der vorgestern gestorben ist. Zu Herzen gehende Balladen, die eine oder andere Träne steigt zum Auge. La legge è illegale – dem totalitären Spruch, der durch nichts zu legitimieren ist, wird hier die Vergänglichkeit des Irdischen und Himmlischen vorgehalten. Ein schöner Nachmittag. Mit dem kritischen und poetischen Dalla im Ohr geht man durch die Bogengänge der Stadt der Glossatoren, DER Stadt des Rechtsunterrichts, an den legge-Graffitis vorbei und denkt wehmütig an das erfrischende l-i-s. Und irgendwie kommt mir in den Sinn: Dalla, Dalla.